Neue Heimat, neue Rolle

Eine Handvoll diskreter Räume in der Kreuzberger Jahnstrasse beherbergen eine traditionsreiche Organisation: den Türkischen Frauenverein Berlin e.V.. Was als informelle Selbsthilfe Mitte der 70er begann ist heute ein strukturierter Verein. Seine Angebote nutzen 1.200 Personen jährlich, ehemalige Mitglieder sitzen sogar im Bundestag. Porträt eines Akteurs und Zeugen der Integration in Deutschland.

Es gibt Verträge und es gibt die Wirklichkeit. Anfang der 60er hatte Deutschland das Anwerbeabkommen mit der Türkei abgeschlossen. Die deutsche Wirtschaft suchte händeringend nach günstigen Arbeitskräften, um das Wirtschaftswunder am Leben zu halten. Aus dem ganzen Mittelmeerraum wurden im großen Stil bilateral Mitarbeiter importiert. Herausforderungen bei der Integration wurden klugerweise vertraglich vorgebeugt: Es galt das Rotationsprinzip. Einwanderer sollten nur zwei Jahre in Deutschland bleiben und dann in ihre Heimat zurückkehren. Aber de facto war diese Klausel schwer anwendbar: An erster Stelle protestierten die Unternehmen. Mitarbeiter anlernen bis sie voll einsatzfähig sind und dann ersetzen? Das machte wirtschaftlich keinen Sinn. Kaum hatte man das Rotationsprinzip bei Seite gelegt beschloss Deutschland 1973 einen kompletten Anwerbestopp. Grund: die Ölkrise, die 20 Jahre Wirtschaftswunder beendete. Die Angeworbenen mussten sich entscheiden: Zurück in die Heimat, oder in Deutschland bleiben? Der Wunsch ausschließlich Mitarbeiter anzuwerben hatte sich als Fantasie entpuppt: Man hatte Mitmenschen geholt. Jetzt stellte sich die Integrationsfrage. Umso stärker, da man sie von vornherein ausgeschlossen hatte. In nur zehn Jahren Aufenthalt in Deutschland hatte sich viel gewandelt.

Für türkische Frauen bedeutete Deutschland eine viel größere Veränderung

Eine Motivation vieler Türken, sich anwerben zu lassen, war der bitteren Armut ihrer Heimat zu entfliehen. Dafür nahmen sie die Herausforderungen eines Aufenthaltes in der BRD gerne in Kauf. Türkische Frauen waren davon noch stärker betroffen. Auch sie sprachen selten Deutsch, nur waren noch dazu ca. 60 % von ihnen nicht alphabetisiert. Sie kriegten die schlechtbezahltesten und die unsichersten Stellen. Gleichzeitig kam ihnen oft eine sehr verantwortungsvolle Rolle zu: ca. 20% reisten alleine nach Deutschland wenn ihr Mann die gesundheitlichen Prüfungen nicht bestehen konnte, und waren dann für die Zusammenführung der Familie zuständig. Nebenher beobachteten sie die größeren Freiheiten westlicher Frauen und ihren Kampf nach mehr Eigenständigkeit.

In Berlin wie in anderen Städten unterstützten sich türkische Kolleginnen und Nachbarinnen. Nach und nach entstand der Wunsch, diese Hilfe zu strukturieren. Am 8. März 1975, dem internationalen Frauentag, gründeten 55 Türkinnen aus Kreuzberg den « Türkischen Frauenverein Berlin-West ». In einem Gesprächsprotokoll aus 1978 ist zu den Entstehungsgründen zu lesen : «(…) die direkten Lebensprobleme der Frauen, z.B. Arbeitsplatz, mangelnde Deutschkenntnisse, Kinderbetreuung, Rechte wahrzunehmen und durchzusetzen, keine kulturellen Angebote ».

Dafür wurden Alphabetisierung, Deutschkurse, Schreibmaschinen- und Nähkurse, Beratungen und Begleitdolmetschen für Behörden und Arztbesuche angeboten. Ein besonderes Highlight war bis in die 80er Jahre die jährliche Modenschau, bei der selbstgeschneiderte Kleidung stolz präsentiert wurde.

Politisch aktiv bis in die 90er Jahre

Anfänglich war der Verein auch politisch aktiv. Er beteiligte sich an der Friedensbewegung und nahm dann klar Stellung gegen die politische Entwicklung in der Türkei, in der Ende der 70er Jahre die Armee die Macht ergriffen hatte. Im Laufe der Jahrzehnte konzentrierte er sich mehr auf Angebote zur Unterstützung und Förderung türkischer Frauen. Die Mitglieder, die in erster Linie politisch aktiv sein wollten beschritten diesen Weg außerhalb des Vereins. Das beste Beispiel ist Azize Tank, ein sehr aktives Mitglied aus den 70er und 80er Jahren, die heute für die Linke im Bundestag sitzt. Sie war jahrelang Integrationsbeuaftrage von Charlottenburg-Wilmersdorf.

Integration beginnt im Kindesalter

Im Gespräch merken die hauptamtliche Mitarbeiterin und der Vorstand an, was für Herausforderungen für die Integration in Deutschland noch bleiben. Ihre Beobachtungen, die sich über Jahrzehnte und mittlerweile Generationen erstrecken, konzentrieren sich auf Bildung. Wie kann es sein das Kinder mit Migrationshintergrund zu 40 % das deutsche Schulsystem ohne Abschluss verlassen? Sie glauben, dass Lehrer in der Grundschule Kinder von Migranten viel weniger zutrauen. Sie gehen davon aus, dass die Eltern nicht die notwendige Unterstützung leisten können. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, wenn man bedenkt, dass die Kinder die noch in der Türkei zur Grundschule gingen, und dann in Deutschland ihre schulische Laufbahn fortführen entschieden erfolgreicher sind. Der Vorstand erzählt wie energisch sie sich für ihre Tochter hat einsetzen müssen, um die Vorurteile der Lehrerin auszuräumen. Wie hartnäckig sich Vorurteile verbreiten zeigt die Reaktion der Nichte der Hauptamtlichen Mitarbeiterin des Vereins. Als sie ihr offenbarte, sie hätte studiert, rief die Nichte : « Wie, du hast studiert ? Aber du bist doch Türkin ! » Deswegen ist die Hausaufgabenhilfe eines ihrer wichtigen Angebote: Zweimal pro Woche helfen ca. fünf Ehrenamtliche den Kindern und Jugendlichen, die Schule besser zu meistern.

 

Mit Sorge erfüllt sie auch die konservativere Auslegung ihrer Traditionen. Trugen vor 30 Jahren maximal eine Handvoll Mädchen Kopftuch in Kreuzberger Schulklassen, so sind es heute ungefähr die Hälfte. Entstehen dadurch leichter Identitäts-Zuschreibungen von außen, wenn z.B. auf Schulhöfen Kinder andere als « Ausländer » bezeichnen ? Unterm Strich klingen die Verantwortlichen des türkischen Frauenvereins eher enttäuscht, wenn sie die Haltung der Mehrheitsgesellschaft zusammenfassen: Du gehörst nicht dazu sei der Tenor. Damit diese Haltung verschwindet setzt sich der türkische Frauenverein Berlin im 42. Jahr seines Bestehens weiterhin ein.

Wer mehr über den Verein erfahren will besucht seine Homepage :
http://www.tuerkischerfrauenverein-berlin.de/

Den 20 Jahren des Vereins widmete der Tagesspiegel 1995 diesen Artikel.


Aktuelles | Highlights des Monats