BERICHT: Podiumsdiskussion zu Radikaliserung im Dütti-Treff

Ein ernstes Thema radikal sanft besprechen

Sind Jugendliche von Radikalisierung bedroht und was kann man dagegen tun? Die Plattform für Jugendliche jup!Berlin lud am 29.8.18 zu einer Diskussion. Die Veranstaltung der Reihe “Auf Augenhöhe – Berlin gegen Gewalt” war sehr gut besucht. Leider blieb kein Platz für die Bewohner*innen der Siedlung.  Die Küche des Dütti-Treffs war zu einem Regieraum umfunktioniert, es saßen dort vier junge Menschen und sorgten für das reibungslose Streamen der Diskussion über Radikalisierung von Jugendlichen, hier zum Nachsehen. Eingeladen hatte jup!Berlin, gefördet hatte die Landeskommission Berlin gegen Gewalt mit dem radikalen Kürzel LkBgG, die Gästeliste las sich äußerst spannend: Till Baaken von Violence Prevention NetworkPierre Asisi von UFUQSeda Colak von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus und Ouassima Laabich Muslimische Jugend in Deutschland. Die weißen Vorhänge des Dütti-Treffs passten optisch perfekt, der Raum war an dem Nachmittag ein schönes TV-Studio, brechend voll, brütend heiß, auch wegen zwei großer Scheinwerfer. An Kameras und Menschen die sie bedienten mangelte es nicht, insgesamt zählte ich sechs, meine Wenigkeit nicht dazu gerechnet.

Küche? Nein Regieraum… der Architekt des Treffs hatte vorausschauend viel Glas verbaut.

Die Diskussion dauerte ca. eine Stunde und ist hier nachzusehen, der guten Ausstattung jups! sei gedankt. Wenn man etwas spitzfindig wäre, könnte man urteilen, dass es mehr eine Collage von Statements war und nicht wirklich ein Gespräch. Es gab aber in den Statements viel Interessantes zu hören, manchmal auch weniger Interessantes. So meinte einer der Diskutanten, Rechtsextremismus sei schon anders als Linksextremismus, das würde er schon sagen. Kurz und bündig definierte Ouassima Laabich was radikal ist: Behauptungen die nicht wissenschaftlich, nicht differenziert, nicht kritisch und nicht diskursiv sind. Also Behauptungen von Leuten, die nicht reden, sondern recht haben wollen. Dabei differenzierte sie sehr schön das Wort und meinte, nicht alles radikale sei verwerflich. Es gibt radikale Liebe, radikale Ansichten in der Kunst und ihr Kollege Till Baaken pflichtete ihr bei, auch gesellschaftlich gab es radikale Ansichten, die deswegen nicht schlecht waren. Er nannte die Sufragetten, die Feministinnen die sich Anfang des 20. Jahrhunderts für das Wahlrecht von Frauen einsetzten, und denen man damals Radikalität vorwarf.

Teilweise verlief die Diskussion dann doch etwas unergiebig. Auf vernünftige Fragen kamen eine Reihe mittelmäßig befriedigende Antworten. Warum radikalisieren sich Jugendliche? In dem Alter beschäftigt man sich mit Identität und sucht nach Halt, ein strenges Gedankenkorsett könne das einem geben. Sind gewissen Leute gefährdeter als andere? Radikalisierung habe nichts mit Milieu, Schicht oder Bildung zu tun, es gibt aber durchaus Parallelen bei den Radikalisierten. Sie haben alle einen Bruch in ihrer Biografie, die Abwesenheit eines Elternteils, oder der Kontakt zu Drogen. Es gäbe zwar schon eine Typologie und ein Stufenmodell des Radikalisierungsgrades, aber das machten Wissenschaftler*innen im Nachhinein. Sei Perspektivlosigkeit ein Grund für Radikalisierung? Nein, es gebe auch radikalisierte Jugendliche die glänzende Aussichten haben. Was kann man tun, wenn man befürchtet eine Person sei gefährdet? Dann könne man besondere Nummern anrufen, die würden einen beraten. Interessant wäre natürlich gewesen, man hätte erfahren, wie man einen radikalisierten zurückholen kann. Aber die meisten Organisationen betreiben eher Radikaliserungsprävention als Entradikalisierung. Interessant war, aber traurig, das man dem Islam das höchste Potential an Radikalisation zubilligte.  Von einer anderen Orientierung war kaum die Rede, dabei gibt es ja neben dem Islamismus noch viele andere Möglichkeiten, sich zu radikalisieren.

Zwei Scheinwerfer sorgten für ausreichend Wärme bei der ruhigen Diskussion.

Meine zugegeben etwas perfide Frage nach Zahlen blieb ebenfalls ungenau beantwortet. Wieviele Jugendliche denn von Radikalisierung betroffen seien war nicht auszumachen, es lägen keine Daten vor, das sei auch nicht so wichtig. Man verwies mich auf den Bericht des Berliner Verfassungsschutzes 2017, auf den ich mich – nach Zahlen ausgehungert – stürzte. Nun weiß ich, dass die Beamt*innen, die uns vor Radikalen schützen diese Bevölkerung in fünf klare Gruppen eingeteilt haben, und diese in jeweils gewaltbereite und nicht-gewaltbereite. Insgesamt wabern 8405 Menschen mit radikalen Ansichten in Berlin herum und werden vom Verfassungsschutz beobachtet. Davon sind ca. 2200 bis 2500 gewaltbereit, das ist eine ganze Menge.

Zu den Gruppen im Detail: Die Islamisten sind die ersten im Bericht und sind 1945 Mann stark. Ich nehme mal an, dass Islamisten überwiegend Männer sind, vielleicht liege ich falsch. Von denen sind 355 gewaltbereit, das sind 10% weniger als 2016, ein kleiner Hoffnungsschimmer in dieser sonst düsteren Liste. Stärkste Untergruppierung ist die Hizballah mit 250 Mitgliedern. Die zweite Gruppe bestand aus extremistischen Organisationen aus dem Ausland, die nicht Islamisten sind, dazu gehörten 1740 Menschen. Wer davon gewaltbereit ist stand nicht im Bericht, dafür dass 1340 links und 400 rechts orientiert sind. Stärkste Untergruppe war die PKK mit 1100 Mann, oder Frau. Als dritte Gruppe gab es die Rechtsextremen. Die zählen zwar nur 1430 Personen, nach dem Herausfiltern der Doppelmitgliedschaften, dafür sind 700 davon gewaltbereit, der beste Schnitt von allen Gruppen. Mit 230 Mitgliedern ist die NPD hier die größte Truppe. Nach den Rechtsextremen kommen die Reichsbürger auf läppische 500 Teilnehmer, von denen 100 rechtsextrem seien. Die fünfte Gruppe sind die Linksradikalen, die 2790 Menschen vereinen, wovon 980 gewaltbereit sind. Die Organisation “Rote Hilfe” stellt mit 1450 Mitgliedern deren Gros dar. Diese sind tatsächlich vereinsrechtlich organisiert, was dem Verfassungsschutz Sorgen bereitet, denn die vielen zahlenden Mitglieder ergäben in Summe “erhebliche finanzielle Mittel”. Wenn einem Vereinsmeierei in Deutschland nicht gefällt könnte man es schwer haben. Gewalttaten gehen übrigens viel öfter von linken Gruppen aus, insgesamt 250, als von rechten, mit 117 Handlungen. Dafür seien rechte in Summe aktiver, sie bringen es auf 1942 illegale Vorfälle, die linken auf 1126.

Sogar im Flur standen Kameras mit den dazugehörigen Leuten…

Es gibt also bei jeder Strömung genug Personal, um Jugendliche zu radikalisieren. Der Weg zu radikaleren Ansichten sie aber nicht nur das Ergebnis von aktiver Indoktrination, es gebe durchaus auch Beispiele von Personen, nicht nur Jugendliche, deren Ansichten im Laufe der Zeit und auf Grund der Umstände sich verhärten. Ouassama Laabich nannte Chemnitz als Beispiel und meinte, sie könne die Vorfälle dort verstehen, natürlich nicht gut heißen, auf Grund der Geschichte und Entwicklung Deutschlands. Zum Abschluss der Diskussion meinte Pierre Asisi, er bedaure einen großen Widerspruch in der Politik. Auf der einen Seite sei sie Auftraggeberin und Förderin von Organisationen wie der, der er angehöre. Auf der anderen Seite würden sie Feuer ins Öl gießen, in dem manche Politiker die Frage stellten, ob der Islam zu Deutschland gehöre, was Radikalisierung begünstigt. Abschließend stellte ich eine Frage an das Publikum, ob denn einer hier in der Siedlung wohnte, worauf sich keiner meldete. Sein eigenes Publikum mitzunehmen ist für Veranstalter natürlich eine radikale Strategie.

Bei aller Ironie: Wer tatsächlich befürchtet, jemand in seinem Umfeld sei von Radikalisierung bedroht, kann sich bei diesen nach Strömungen differenzierten Stellen informieren.

 


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