BERICHT: Schulung zu Peace-Making Circles in der Jacobi-Gemeinde im April

Wenn Rollenspiele ernst werden

Peace-Making Circles sind eine Methode zur Gewaltprävention die auf hierarchielosen Gesprächen basiert. Um sie zu testen, wurde bei der Schulung im April ein schwelender Konflikt unter Jugendlichen der Siedlung aufgegriffen. Wie schnell Grenzen zwischen Spiel und Ernst sich auflösen steht hier.

Als Einstieg eine Binsenweisheit: Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist groß. Bei der Peace-Making-Circles Schulung letzten April in der Jacobi-Gemeinde in Kreuzberg wurde es ganz eindeutig. Rund 20 Neugierige hatten sich versammelt, um über die neue Gewaltpräventionsmethode mehr zu erfahren, die der Verein Jakus unter dem Namen Nachbarschaftszirkel seit 2016 in Neukölln anwendet. Es waren eine Handvoll Erzieher vom drehpunkt, die Nachbarschaftsbeauftragte Emine Yilmaz, Bewohner der Siedlung, aber auch « Siedlungsfremde », die teilweise als Mediatior_Innen arbeiteten.

Nach einem kleinen Exkurs über Herkunft und Beispielen der Wirksamkeit der Peace-Making-Circles – gezeigt wurden Ausschnitte des Dokumentarfilms « Another Justice », sowie das Interview eines hartgesottenen US-Polizisten aus dem mittleren Westen, der an der weichen Methode einfach ihre Wirksamkeit und die niedrigen Rückfallquoten bei jugendlichen Straftätern schätzte, die einen Peace-Making-Circle Prozess durchliefen – kam es zu den ersten Übungen. Also zur ersten Simulation eines Circles, mit der Vermittlung der Prinzipien : keine Hierarchien, keine aktive Lenkung der Gespräche, eine Kommunikation, die eher an die Gruppe geht denn an Einzelne.

Am Folgetag wollte man das frisch gelernte erproben. Vereinbart war ein Rollenspiel das einen ganz konkreten Vorfall in der Düttmann-Siedlung aufgriff, der 2016 zur temporären Schließung des Jugendklubs führte. Ein langjähriger Erzieher verließ damals den drehpunkt und verabschiedete sich nicht aktiv von einigen Jugendlichen. Eine Verkettung von Ereignissen führte zu einem Protest der besagten Jugendlichen, die in Vandalismus endete.

Die Rollen wurden verteilt, ich spielte den besagten Erzieher, der innerlich mit allem, was mit der Siedlung in Verbindung stand, abgeschlossen hatte. Ich musste also nicht viel tun, was mir an diesem Samstag Nachmittag leicht viel. Das Rollenspiel dauerte nur zwei bis drei Stunden. Was aber in dieser kurzen Zeit an ungelösten Konflikten, an unausgesprochenem Schmerz, aufgewirbelt wurde, ließ viele Teilnehmer sprachlos. Besonders die « externen » machten große Augen über die Komplexität der Kreuz-Verletzungen, die wie ein unentwirrbares Geflecht wirkten.

Obwohl es nur eine Simulation war, war sie unglaublich intensiv. Die Binsenweisheit muss also korrigiert werden: Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis, aber auch simulierter Praxis, ist groß.

Alle waren sich jedoch einig, dass ein derartiges Geflecht nur durch Gruppengespräche gelöst werden könne. Man einigte sich auf einen Vertiefungstermin, denn die Peace-Making-Circles werden üblicherweise an ein paar Tagen vermittelt. Diesmal gaben die dichten Terminkalender der einen und anderen nur 10 Stunden an zwei Tagen her. Ob ein Prozess mit der neuen Methode in der Düttmann-Siedlung in Gang gesetzt wird, wird sich zeigen. Wenn wird hier auf jeden Fall darüber berichtet.

 


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