BERICHT: Der Brettspiele-Klub der Siedlung

Das alte Rom und die Bananenrepublik

In einem Kreuzberger Hinterhof gibt es ein Stüblein, in dem eine Handvoll Menschen jede Woche Handelsorganisationen aufbauen, versunkene Zivilisationen zu neuer Form verhelfen, oder ein Loblied auf korrupte Bananrepubliken singen. Ein Abend bei Geistesakrobaten, im Brettspiele-Klub des Nachbarschaftshauses, z. Zt. in der Dütti-Werkstatt untergebracht. Jeden Freitag ab 18 Uhr (bei Einbruch der Dunkelheit klingt besser). Möchten Sie mitspielen?

Mensch ärgere Dich nicht, Backgammon, Dame, das ist was für Anfänger. Der moderne Brettspieler braucht mehr. Mehr Möglichkeiten, mehr Interaktion, keine abstrakten Spieluniversen auf den Scheiben auf Schachbretten schlittern. Sondern präzise Welten, egal ob historisch, aktuell oder imaginiert. Egal in welchem Universum man sich befindet, den anderen ausstechen ist immer noch das Ziel. Aber es soll facettenreicher und fantasievoller sein. Der Hausherr des Spiele-Klubs im Dütti-Treff öffnet einen unscheinbar wirkenden Schrank: Über 100 Spiele stapeln sich dort in engen Schichten. Genauer ausgedrückt: Der Schrank ist eine Art Logistik-Zentrum von Spieluniversen.

An den Titeln allein kann man sich die Welten vorstellen. Carcassonne wird wohl ein Spiel im mittelalterlichen Frankreich sein, während Dolmen und Druide sicherlich was mit Kelten zu tun haben. Bei Pagoda tippe ich spontan auf Asien, Stone Age und Russian Railroads erklären sich von selbst.

Björn Edler, des Koordinator des Spiele-Abends, denkt in anderen Kategorien, in Spiele-Genres. Aktuell sind die Exit-Games in Mode, Spiele, in denen eine Gruppe Aufgaben in einer Räumlichkeit bewältigen muss, meistens ein Kriminalfall. Das Problem dabei: die Spiele sind nicht nachhaltig. Ein bis zwei mal gespielt und schon hat man alles gesehen. Für die boomende Spiele-Industrie sind solche Spiele natürlich gut, vielleicht erklären sich auch dadurch die zweistelligen Wachstumsraten der Branche. Ein Klub hingegen braucht Spiele, die etwas mehr hergeben, bei denen man Fortschritte machen kann.

Als ich den Spiele-Abend in der Dütti-Werkstatt besuchte war ich etwas zu früh da. Nach und nach begann sich der Raum mit Spielern zu füllen. Die eine Gruppe entschied sich für Via Romana, ein Infrastruktur-Spiel im alten Rom (schon damals wurde offensichtlich zu wenig in Infrastruktur investiert). Die anderen Spieler boten mir an, bei Tiefe Taschen mitzumachen, ein sogenanntes interactive game. Das Prinzip ist einfach: Jeder Spieler ist Minister eines korrupten Staats, das Ziel ist sich soviel öffentliches Geld wie möglich in die Tasche zu stecken. Das verstand ich auf Anhieb, das ist so viel einfacher als z.Bsp. einen mehrheitsfähigen Konsens in einem mehrstufigen Prozess zwischen unterschiedlichen Interessensgruppen zu finden. Und auch viel lukrativer.

In der Spielmechanik erhält zwar der Ministerpräsident das Geld, sein Budget muss aber die Mehrheit der Minister überzeugen und deren Zustimmung hat einen Preis. Anders gesagt: Er muss klug schmieren, um seinen Posten zu behalten, muss aber gleichzeitig genug in die eigene Tasche wirtschaften und nebenbei Mord- und Putschversuche abwehren. Das scheint mir undankbar, ich entscheide mich als Minister mit meinen Kollegen Bündisse zu schmieden, um eine kluge Budgetpolitik beim jeweils amtierenden Premier durchzusetzen. Immer für das Wohl des Volkes, der Alten, der Kinder, der Armen, der Kranken usw., da sind wir uns Minister absolut einig. Die Ministerpräsidenten wirken selten entspannt in der Partie, die hohe Fluktuation ist sicher ein Faktor, in regelmäßigen Abständen waren eher feindliche Kommentare über ihre Minister zu hören. Wir verwiesen voller Verständnis für die jeweiligen Sorgen auf den Untertitel des Spiels: “Demokratie bedeutet nicht, dass alle zufrieden sind…”

Der Spiele-Klub in der Dütti-Werkstatt ist inzwischen einer von vielen in Berlin. Fast jeden Wochentag kann man Abends ein einschlägigen Treff aufsuchen. Der erste Klub der Hauptstadt waren die Berliner Brettspielbären am Messedamm, die sich Dienstags Abends treffen. Mittwochs trifft man sich am Leopoldplatz beim Spieltreff Berlin, der mittlerweile der größte geworden ist. Wer lieber auf Englisch spielt, der geht Donnerstags zu Rudis in der Modersohnstr. Am Sonntag geht es weiter entweder im Dütti-Treff, oder zu den Panke-Spielern in der gleichnamigen Straße. Wer nicht warten will, oder kann, geht in eins der Spielcafés: Die Spielwiese in der Copernicusstr., mit angehängtem Spiele-Verlag, oder die Spielewirtschaft in der Martin-Luther-Straße.

Ein kleines Ratespiel: Gibt es in diesem Schrank mehr Namensschilder oder mehr Spiele?

Dieser Zuwachs von Spiele-Abenden der nicht auf Berlin allein beschränkt ist und den sich Geschäftsführer von Spielfirmen mit der Krise und dem Wunsch nach Sicherheit erklären, geht logischerweise mit einem Zuwachs der Spiele-Industrie einher. Auch wenn es schon so viele Brettspiele gibt um ganze Kreuzberger Schränke zu füllen, die Industrie schiebt fleißig zwischen 1000 und 1500 neue pro Jahr nach. In diesem Sektor ist Deutschland natürlich mittlerweile führend, noch so ein Hobby der Deutschen, da die Unternehmen zum vielgerühmten Mittelstand gehören. Traditionelle Brettspiel-Verlage wie Ravensburger sind in den letzten Jahren stark gewachsen und an Spielzeug-Größen wie Playmobil, Hasbro oder Mattel vorbeigezogen. Jahrzehntelang galten Spielzeuge als ertragsreicher. Aber Regeln der Spieleindustrie haben sich seit 2010 geändert.

Eine Handvoll Menschen lebt gut vom Ausdenken neuer Spielregeln. Der Beruf des Spielautors ist für ein kleines Pantheon von Erfindern sehr einträglich, erfolgreiche Spiele verkaufen sich hunderttausende von Malen. Zu den berühmtesten gehören Klaus Teuber, der in den 90ern seinen großen Coup mit Die Siedler von Catan landete, in 20 Sprachen übersetzt und 40 Ländern exportiert. Uwe Rosenberg erfand das Kartenspiel Bohnanza, das sich 700.000 Mal verkaufte. Oder das Duo Michael Kiesling und Wolgang Kramer, das sich schon einige erfolgsentscheidende Spiel des Jahres-Auszeichnungen holte. Seit kurzem mischt auch eine Frau mit, die in Berlin wohnende Sophia Wagner, die 2015 einen begehrten Förderpreis erhielt, der das Tor zu den großen Spieleverlagen öffnet. Wer tiefer in die Spielwelt eintauchen will liest das deutschsprachige Magazin Spielbox oder die englische Seite Boardgame-Geek, das von der Zeitschrift zur weltgrößten Spiel-Datenbank mutierte.

Zurück in den Dütti-Treff: Eine neue Gruppe Spieler hat sich dazu gesellt. Sie wählten nach ein paar  Überlegungen den Wandel der Zeiten – Bronzezeit. Beeindruckend ist die geistige Beweglichkeit, mit denen sich Spieler in neue Regeln hineindenken und in diesen gedanklichen Laufbahnen Strategien entwickeln, um ihre Ziele zu erreichen. Allein meine Mitspieler kannten an die 20 bis 30 Spiele sehr gut und empfahlen mir auf Grund meiner Vorlieben eine Handvoll. Der Hausherr Björn Edler konnte mir noch mal so viel erklären und gab im Interview zu, zu Hause mindestens 1000 Spiele zu haben, wobei er sich nicht aktiv an alle Regeln erinnern kann. Aber doch an ein paar Hundert. Sein Lieblingsspiel ist übrigens Orléans, ein Worker-Placement-Game, bei denen man eine Gruppe von verschiedenen Spezialisten ausbildet, um eine immer breitere Palette von Gütern in einem historischen Wirtschaftssystem anzubieten. So beschrieben klingt das etwas trocken, zu spielen ist es wohl lustiger als es zu lesen, das Prinzip findet man in verschiedenen Epochen wieder.

Woher kommt diese Lust am Brettspielen? Eine ernsthafte Antwort auf dieses Thema sprengt sicherlich den Rahmen dieses Newsletters. Aber, aus der Hüfte geschossen: Vermutlich ist es die Freude an der geistigen Herausforderung, an Geselligkeit und an dem kurzzeitegen Eintauchen in eine neue Rolle. Denn an diesem Freitag Abend war ich tatsächlich eine Stunde lang ein korrupter Minister aus einer Bananenrepublik, der sich Millionen in die Tasche steckte und reihenweise Ministerpräsidenten stürzte, aber nur zum größeren Wohle des Volkes. Zum Abschluss war ich dann ca. 45 Minuten lang der Erbauer von Pagoden-Komplexen, der in Konkurrenz zu anderen Pagoden-Unternehmern stand, was nach dem Rausch der Millionen etwas sehr besinnliches hatte.

Der Spiele-Klub des Nachbarschaftshauses trifft sich derzeit jeden Freitag ab 18 Uhr und Sonntags ab 16 Uhr im Dütti-Treff.


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