Der Kreuzberger aus Khartoum

Seit 1988 betreibt Salah Yousif ein Geschäft im Graefekiez.Das lebende Gedächtnis des wilden West-Berlins kennt die Menschen im Kiez wie kein zweiter und hält Eindrücke seiner Wahlheimat in Gedichten fest.

Das Geschäft ist schmal, überfüllt mit Schränken, Kommoden und Stühlen aus vergangenen Jahrhunderten. Denn im Antiquitätengeschäft von Salah Yousif sind die Möbel zwischen 100 und 150 Jahre alt: perfekt renoviert, zeitgemäß abgebeizt und noch dazu erschwinglich. Küchenmöbel aus einer Zeit, als es noch keine maßgeschneiderten Zeilen gab; Sekretäre mit ausklappbaren Schreibflächen, als man noch Briefe schrieb. Und Yousif, passend dazu, verweigert konsequent E-Mails und das weltweite Netz: „Internet und Computer haben mich nie interessiert.“ Erreichen kann man ihn per Festnetz, oder in dem man von 13 bis 18 Uhr in der Urbanstrasse 46 vorbeikommt. Etwas Fortschritt hat er zugelassen: Seit ein paar Monaten besitzt er ein Handy.

So wie die Möbel Zeugen der Vergangenheit sind, ist Yousif Zeuge der jüngeren Geschichte Kreuzbergs. Seit 1988 betreibt er seinen Laden und hat die radikalen Veränderungen des Kiezes miterlebt. Von der Wehrdienst-Verweigerer-Schutzburg bis zur heutigen Yuppie-Hochburg, vom langsamen Ansteigen der Mieten und dem damit einhergehenden Austausch der Bewohner. „Ich kenne noch zwei, drei Damen, die seit den 50er Jahren hier wohnen.“ , erzählt der Geschäftsmann. „ Damals gab es sehr viele deutsche Eckkneipen und viele Arbeiter, heute sind es sehr viele schicke Cafés und besserverdienende Menschen. In den 80ern war das Verhältnis Deutsche-Ausländer ausgewogen, in den 90ern kamen mehr Ausländer, jetzt gleicht es sich wieder aus.“

Genauso rasant wie seine Wahlheimat Kreuzberg, hat sich auch seine ursprüngliche Heimat Khartoum, die Hauptstadt Sudans, geändert. „Als ich in den 70ern nach Berlin kam, war es für mich eine Großstadt. Ich ging nach Khartoum mit seinen 750.000 zurück, um mich zu erholen. Heute wohnen dort 10 Millionen Menschen, davon erhole ich mich in Berlin.“ Nach Europa führte ihn ein Studium der Soziologie in Bulgarien – auf Russisch. Als er bei einem Aufenthalt in Berlin seinen Pass verlor, beschloss er, zu bleiben. „ Ich hatte sofort Kontakt zu Deutschen und fühlte mich in der Atmosphäre West-Berlins sehr wohl.“ , erinnert er sich. „Damals waren Charlottenburg und der Ku-Damm die Partyzentren, das kann man sich heute gar nicht vorstellen. Es waren übrigens keine Partys, sondern Feten. Mit drei deutschen und einem sudanesischen Freund eröffneten wir insgesamt fünf Nachtclubs, darunter das Linientreu. Nach vielen spannenden Jahren habe ich dann das Geschäft hier eröffnet, aber aus der Zeit habe ich noch viele gute Freunde behalten.“

Unter anderem einen, der ihm bei seiner Zweitbeschäftigung hilft: denn Salah Yousif ist nicht nur Möbelhändler, er schreibt seit über 30 Jahren Gedichte. Schreibt, nicht tippt. Auf Arabisch, das er ins Deutsche übersetzt. Sein Freund hilft ihm beim Feinschliff der Texte, denn Yousif weiß: „ Deutsch ist eine sehr schwere Sprache. Russisch war sehr einfach zu lernen, nach einem Jahr Lernen konnte ich studieren. Aber nach 40 Jahren Deutsch habe ich immer noch Fragen. Es ist zwar sehr logisch, aber sehr komplex. Arabisch hingegen ist überbordend, wuchernd, üppig, bildstark. Es hat einen unendlichen Wortschatz, wir haben 100 Wörter für Löwe z.B., man kann sich unglaublich fantasievoll ausdrücken.“

Yousif ist ein zweisprachiger Dichter. Seine Gedichte erscheinen in schmalen Bänden beim propeller Verlag. Antrag auf doppelte Staatsbürgerschaft, das er auf meine Bitte hin auf Deutsch und Arabisch vorliest, endet mit dem Vers Denn ich bin das Kind von zwei Welten.“ (Am Ende des Artikels zu hören). Das trifft sicherlich auf viele Bewohner der Düttmann-Siedlung zu. Die klassische Frage, die man vielgereisten Menschen stellt, kann ich mir nicht verkneifen. Wo ist zu Hause? Yousifs Antwort : „Ich bin absolut in Westberlin und Kreuzberg verwurzelt, Ost-Berlin habe ich nur zwei, drei Mal besucht, ich lebe in Tempelhof seit über 30 Jahren. Meine Heimat und Kindheit im Sudan sind Erinnerungen. Aber es war mir wichtig, dass meine Kinder Arabisch sprechen. Sie sind perfekt zweisprachig eine meiner Töchter hat in Khartoum Medizin studiert.“
Bücher und Bildung bedeuten Yousif viel. Als die Werner-Düttmann-Siedlung noch sozial angespannter war, kamen oft Kinder zu ihm, die sich Schule und Studium nicht zutrauten. Er hat sie ermutigt, ihnen Bücher geborgt und ihnen einen seiner vielen Tische zum Hausaufgabenmachen überlassen. Ich kenne mehrere Familien, die von Sozialhilfe leben, aber deren Kinder alle studiert haben, obwohl die Eltern keine Deutschen waren. Das bewundere ich. Neulich hat mich einer davon besucht, er ist jetzt Arzt, und er hat sich für meine Unterstützung bedankt“, erzählt er.

An die Zeit, in der man stundenlang über Politik diskutierte und Religionszugehörigkeit niemand interessierte, erinnert er sich gerne. „Glauben ist 100 % Privatsache.“ Besonders gefällt ihm das Genre Tom-Tom, sozial engagierte Lieder von Frauen, die mehrstimmig politische Themen aufgreifen. Denn Salah Yousif ist, wie er sagt, ein Linker. Er ist zwar religiös, aber die bereits erwähnte Mieterverdrängung betrifft in erster Linie das Umfeld der Siedlung: Der Graefekiez hat einen der höchsten Quadratmeterpreise der Hauptstadt. Die neuen Bewohner werden den diskreten Laden mit der Aufschrift «Ankauf-Verkauf» erst beim zweiten Hingucken bemerken, trotz der vielen schönen Möbel. Eher bemerken sie noch die Vinyl-Platten, die Yousif auch verkauft. Die Durchsicht der Scheiben katapultiert in die 70er und 80er Jahre. „Ich liebe Musik. Ich habe hier hauptsächlich Soul-Funk, Rock und Jazz-Platten, meine Lieblingsmusik. Aber die verkaufe ich. Zum Hören nehme ich Kassetten, da kann ich auch Musik aus dem Sudan hören.Die Arbeit des QMs und anderer Einrichtungen sowie deren Mitarbeiter lobt und schätzt Yousif sehr. Er hilft auf seine Art, mit Lesungen seiner Gedichte und Vermittlungstätigkeiten. Ein sozialer Brennpunkt ist die Düttmann-Siedlung schon länger nicht mehr, aber gewisse Herausforderungen bleiben

Fazit: In der Urbansstrasse 46 ist Kreuzberg noch in Ordnung.


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