PORTRÄT: Der Kiez in Zahlen, Teil 2

Schon wieder Zahlen

Im Eröffnungsartikel des letzten Newsletters drehte sich alles um Zahlen des Graefe-Kiezes, von Wetter bis Immobilientpreise. Die Zahlenlawine geht weiter, diesmal mit sozialräumlichen Daten: Kindergesundheit, Familienformen, Bildung, Einkommen. Dass Kreuzberg und der Graefe-Kiez irgendwie anders sind wird Schwarz auf Weiß belegt. Und in einem Punkt sogar bundesweit Spitzenreiter. Zählen Sie selbst.

Aber davor etwas Hintergrundwissen: Wer durch Berlin spaziert glaubt in seiner Schlichtheit er bewegt sich nur durch Straßen, oder Plätzen, die zwischen Häusern, Parks und Brachen verlaufen, die in Summe Kieze ergeben, die wiederum in Summe eine Stadt mit Bezirken bilden. Was für ein Irrtum. Aber nur ein Teilirrtum, Euch sei verziehen. Denn eigentlich schreitet man so zusätzlich wie ahnungslos durch sogenannte Lebensweltlich orientierte Räume, abgekürzt LOR. Und diese LORs bestehen aus Planungsräumen, Bezirksregionen und Prognoseräumen bestehen. Abgekürzt PLR, BZR und PRG. Wenn man sich wirklich für seine Stadt interessieren würde, wüsste man das.

Zur geistigen Verfestigung der Bezirksregionen Freidrichshain-Kreuzbergs…

Wozu diese Klassifizierung? Das liegt doch auf der Hand und lässt sich auf der Homepage der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung nachlesen: «Ziel ist die Abbildung lebensweltlicher Homogenität bei gleichzeitiger Wahrung einer Vergleichbarkeit der Planungsraumeinheiten.» Durchaus, aber auch dieses Ziel muss ein Ziel haben: «Die neue Raumhierarchie LOR ist eingebunden in das für alle Datenerhebungen und Planungen relevante Regionale Bezugssystem (RBS) des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg.» Ach so! Und wieso bindet man LORs in ein RBS ein? «Damit hat Berlin verbesserte Analyse-, Prognose- und Planungsgrundlagen für z.B. die Stadtplanung, Spielplatzplanung, Jugendhilfeplanung, Gesundheits- und Sozialplanung. (…)». Ein besseres Instrument klingt immer überzeugend, aber warum ein Neues? «Ziel dieses Ansatzes ist es, die Grundlagen zu schaffen, damit öffentliche Ressourcen künftig auf Ebene der Planungsräume zielgerichteter und sozial gerechter, d.h. besser an der Lebenslage der Bewohner orientiert, eingesetzt werden können.»

Die Kollegen von der bezirklichen Bauaufsicht sehen die Lage so.

Jedem Beruf seine Sprache

Schlichtere Gemüter hätten gemeint: Um Bewohner besser zu unterstützen müssen wir ihre Lebensumstände besser kennen. Dafür wollen wir die Art diese zu erfassen genauer gestalten als bisher. Aber schlichtere Gemüter arbeiten nicht in den Fachverwaltungen des Senats, der Bezirke und des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg, die sich 2006 auf diese neue Raumordnung einigten. Schlichtere Gemüter gehen in eine Bäckerei und kaufen ein Brot, Profis aus Fachverwaltungen gehen in eine kleinere Back- und Teigwarenproduktion und erwerben käuflich ein Lebensmittel das aufgrund der Zugehörigkeit zur Kategorie der Grundnahrungsmittel dem verminderten Steuersatz unterliegt. Von 7 %. Aber jeder Beruf hat seine Ausdrucksweise.

Gründer einer Start-Up hätten vermutlich gesagt: «Um das Life Environment der Berliner besser abzubilden, haben wir die Struktur unserer Metrics von Grund auf neu designt. Das Ergebnis ist eine bessere Usability, ein Dashboard gibt eine 360° Sicht auf alle relvanten Daten, der User kann so den Einsatz seiner Ressourcen besser steuern. Ein besserer Impact ist garantiert. SoSoSocial! hat übrigens gerade eine Kapitalspritze von 10 Mio. Dollar erhalten.» Aber ich tue den Fachleuten unrecht. Denn allein diese lang geratene Einleitung zeigt, wie schnell man der Verlockung unterliegt sich auszubreiten. Denn eigentlich sollte es um die sozialräumlichen Daten des Graefe-Kiezes gehen, vornehmlich die über Kindergesundheit, Familienformen, Bildung, Einkommen und Bevölkerungsstand. Aber dazu kommen wir.

Während die Kollegen von der Stadterhaltung den Kiez wie folgt betrachten.

Aber erst muss der Exkurs über neu designte Messeinheiten abgeschlossen werden: Friedrichshain-Kreuzberg besteht aus acht Bezirksregionen (BZR), die insgesamt in 25 Planungsräume (PLR) unterteilt sind. Der Graefe-Kiez und das QM-Gebiet liegen im Planungsraum II/6, begrenzt von Kottbusser Damm, Hasenheide, Fontanepromenade und Landwehrkanal. Insgesamt bilden die sechs Planungsräume die Bezirksregion Tempelhofer Vorstadt, so der Name, ein Relikt der Verwaltungsbezeichnungen des 19. Jahrhundertsfür das südliche Kreuzberg. In der Sprache nicht mehr gültiger Postleitzahlgebieten, Kreuzberg 61.

Die Zahlen von römisch zwei arabisch sechs in der deutschen Hauptstadt

Nach diesem Umweg sind wir endlich im Planungsraum II/6 angelangt, vulgo Graefe-Kiez und Peripherie. Die Tabelle « 02_FrKr_15Dez_KID_PLR.xlsx » der entsprechenden bezirklichen Fachverwaltung quillt vor Informationen über. Dem Reiter mit der wohlklingenden Bezeichung « 02_0202_06 », so heißt der Kiez in der Excel-Sprache, entnimmt man, dass 57% der Bewohner in einfacher Wohnlage hausen. Der Rest, 43%, überlebt in mittlerer Wohnlage. Eine gute Wohnlage ist laut Tabelle in Kreuzberg so gut wie gar nicht aufzufinden: nur 0,6 % kommen in dessen Genuss. Leider kann man diese missliche Wohnlange nicht einmal mit einem Spaziergang im Grünen kompensieren. Pro Einwohner gibt es im Kiez 2,3 Quadratmeter Grünfläche, das ist verglichen mit dem Bezirksdurchschnitt von 7,5 m2 drei mal bescheidener. Berlinweit liegt der Grünflächen-Index bei üppigen 17 m2 pro Einwohner.

In Sachen Migrationsanteil der Bevölkerung kann der Kiez allerdings punkten. Bei den unter 18-jährigen haben 61,2 % einen Migrationshintergrund, bei den über 65-jährigen sind es 29,6 %. Zum Vergleich: der Migrationsanteil der unter 18-jährigen liegt im Bezirk bei 56,5 %, in Berlin bei 47,1 %. Die Werte der über 65-jährigen betragen in der selben Reihenfolge 22,3 und 10,3 %. Die Altersklasse 19 – 64 wird nicht erfasst, oder nicht veröffentlicht, aber rein logisch betrachtet muss der Wert irgendwo dazwischen liegen.

Bei der Beschäftigung sieht es nicht so gut aus. 40,6 % der Menschen zwischen 15 und 65 Jahren sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt, im Bezirk sind es 46,1 %, in Berlin 49,8 %. Interessant sind die absoluten Zahlen: Die 40,6 % bedeuten hier 6.017 Menschen. Also gibt es im Planungsraum II/6 insgesamt 14.820 Personen im arbeistfähigen Alter. Der Anteil der Arbeitslosen nach SGB II und III zwischen 15 und 65 Jahren ist als Konsequenz der vorigen Werte etwas erhöht: 8,6 % im Kiez, 8,4 % im Bezirk und 7,5 % in Berlin. Im Alter scheint eine höhere Geldknappheit zu herrschen: 16,5 % der über 65-jährigen im Kiez beziehen Grundsicherung nach SGB XII, im Bezirk sind es 12,5 % und in der Stadt 5,5 %. Das sind 277 Personen.

Architekten sehen es hingegen so. Ein Quartierverbindungsplans us der Architektenkammer.

Das Schweigen der Zeilen

Aber plötzlich herrscht in der Tabelle Stille: Die Daten über die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen gleichen einer Brache, statt Zahlen sieht man nur Striche, Kreuzchen, oder Punkte. Vergeblich sucht man feinmaschige Angaben zum Anteil von kariesfreien Milchgebissen der 6-jährigen, der Anzahl Kinder nicht-deutscher Herkunft in Grundschulklassen, oder solche mit Lernmittelkostenbefreieung. Die gibt es nur auf Bezirks- und Berlinebene und da unterscheiden sich die Werte stark. 51,0 % der Kinder an den Grundschulen Friedrichshain-Kreuzbergs sind nicht-deutscher Herkunft, in Berlin sind es 42,2 %. 45,3 % sind von Lernmittelkosten befreit, in Berlin sind es nur 38,7 %.

Die einzige Zeile die Daten aufweist klärt uns indirekt über die vergleichweise geringe Anzahl der Single-Familien im PLG II/6 auf. Aus dem Satz Anteil der alleinerziehenden Bedarfsgemeinschaften (BG) an BG mit Kindern nach SGB II (in %) geht hervor, dass es weniger alleinerziehende Eltern im Kiez gibt. Denn hier beträgt er 34,8 %, im Bezirk und Berlin jeweils 43,1 und 51,6 %,. Der Umkehrschluss: Es gibt mehr Familien im PLG II/6 als im Rest Berlins. Jedoch viel weniger als in den Planungsräumen I/1, I/2, I/3, I/4, deren Namen alle mit Plätzen enden. In der Reihenfolge: Askanischer Platz, Mehringplatz, Moritzplatz, Wassertorplatz. Diese vier Plätze mit den vielen doppelerziehenden Haushalten ergeben in Summe die Bezirksregion Südliche Friedrichsstadt.

Gentrifizierungsgegner haben wieder eine andere Sicht.

Vom Kiez zur Vogelperepektive: das Monitoring Soziale Stadtentwicklung

Bei der Indexbewertung für sozialräumliche Entwicklung herrscht in der Tabelle ebenfalls planungsräumliche Funkstille, bis auf einen Wert von 2-+ beim Gesamtindex soziale Ungleichheit. Was sagt uns das? Nach konsultieren des Monitoring Soziale Stadtentwicklung Ausgabe 2015 auf Seite 55 lässt sich das als Mittel-Stabil dekodieren. Auf Deutsch: die soziale Ungleichheit liegt in der Mitte und sie ändert sich nicht. Manchmal ist die Stadtentwicklungssprache eher umschweifend, manchmal eher knapp.

Die vielen Pläne in diesem Katalog der sozialen Herausforderungen Berlins zeigen, dass die Stadt aus 447 Planungsräumen (PLR, ihr erinnert Euch), 138 Bezirksregionen (BZR, muss ich das erwähnen) und 60 Prognoseräumen (PGR) besteht. Allerdings fällt es einem schwer bei den mosaikartigen Darstellungen Berlins die einzelnen Kieze, pardon, Planungsräume, zu identifizieren. Bei 447 Stück ist jeder einzelne PLR doch etwas klein geraten. Aber für Puzzle-Spieler ist es perfekt. Allerdings würden hier die dynamischen Darstellungsmethoden des Internets, die Start-Ups z.Bsp. mobilisieren könnten, duchaus helfen. Durch die Visualisierung wäre das Wissen auch nicht nur Profis aus Fachverwaltungen vorbehalten, sondern der normale Bürger – das Objekt all dieser Anstrengungen – könnte auch daran Teil haben. Wer weiß was das bringen könnte. Es gibt das Gerücht, dass das Verbreiten von Wissen eher gut ist.

Hier sind die U-Bahn-Stationen mit Preisen für eine 70 m2 Wohnung getauscht.

Das informativste Faltblatt des Bezirks

Die Leere der Tabellen bei der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen ist nicht weiter schlimm. Denn es gibt einen spannenden Ersatz. Das Faltblatt «Friedrichshain-Kreuzberg im Überblick: Gesundheit, Familie, Soziales 2012» von der sozialraumorientierten Planungskoordination des Bezirks unter Leitung von Dr. Horst_Dietrich Elvers zusammengestellt. Das wunderbare PDF ist hier erhältlich. Die neuen Zahlen sind in Arbeit, hier die hervorstechenden in Stichpunkten.

  • Migrationshintergrund ist ungleich verteilt: 36% der Bewohner des Bezirks haben einen, in Kreuzberg sind es 50%, in Friedrichshain 20%
  • Geburtenrate: Im Bezirk werden Berlinweit anteilig die meisten Kinder geboren
  • Sterberate: FHKB hat die niedrigste in ganz Berlin
  • Einkommen pro Kopf: 2010 betrug der Berlin-Durchschnitt 975 € monatlich, der des Bezirks 850. Bei Migrationshintergrund waren es 600 €, ohne 1.025 €
  • Deutschkenntnisse bei Einschulung: Der Anteil Kinder mit sehr geringen Kenntnissen ist zwischen 2006 und 2010 von 18,8 auf 6,6 % geschrumpft
  • Hartz IV: die Hälfte der Kinder im Bezirk ist auf die Unterstützung angewiesen
  • Kreuzberg ist Deutschlands Single-Hochburg: Zwei-Drittel der Haushalte sind alleinstehend, in Berlin sind das 54%, in Deutschland 40%. Kreuzberg ist in diesem Punkt bundesweit an der Spitze !

Somit endet der Ritt durch den Zahlendschungel der Planungsräume, Bezirksregionen und Ausdrucksweisen. In der Zwischenzeit können Sie Ihre geografischen Parameter neu sortieren. Sagen wir mal Sie haben ein sozialräumliches Vorhaben, wie Bekannt_Innen auf einen Kaffee treffen. Dann sagen sie nicht schlicht: Treffen wir uns in einem Café im Graefe-Kiez. Das ist zu ungenau. Probieren Sie senatorisch: Willst Du mit mir in der Bezirksregion 1, Planungsraum II/6 ein flüssiges Genussmittel Deiner Wahl in einem Gaststättenbetrieb als aktivierende Maßnahme zu unserem informellen Austausch zu Dir nehmen? Sie können ja testen, was besser ankommt.


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