Showtime bei Werner

Dom auf dem Dach Wie Jonglieren, Balancieren und andere Zirkuskünste Zusammenhalt und geistige Beweglichkeit schaffen erklärt Dominique Eckstein von Mobil im Kiez. Mit Kollegin Sofie Storz und den Vereinen Koduku und GraefeKids bieten sie eine Zirkuswoche am Werner-Düttmann-Platz an. Für Jung und sehr Jung, vom 15. bis zum 22.8.16
Sie sitzt am Rande eines Dachs, ohne dabei einen Moment Angst zu haben. Sie macht Handstand in 15 Meter Höhe, mit oder ohne Geländer – auch das ohne Furcht. Sie kann jonglieren, auf Seilen tanzen, mit Stelzen gehen, mit Schnurbällen wirbeln und 20 Meter lange Klettertücher im Nu zu einem Zopf binden. Sie vermuten richtig, Dominique Eckstein ist nicht Zirkusartistin. Also schon, aber nicht nur. Sondern Sozialarbeiterin in der Düttmann-Siedlung und in Kreuzberger Flüchtlingsheimen. Und Zirkuskunst ist für sie Mittel zum Zweck. Was haben Toleranz, Zusammenhalt, Offenheit für neue Ideen und Menschen mit Zirkus zu tun? Das sind die Ziele des Projekts Mobil im Kiez, bei dem Dominique gemeinsam mit Sofie Storz seit fast zwei Jahren mitmacht. Die Antwort lesen Sie hier, indem sie sich von einem Satz zum nächsten schwingen.
Dom macht Handstand

Wenn man Dominique Eckstein zuhört versteht man schnell, dass Abenteuerlust schon immer da war. Nach dem Abitur macht sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in Costa Rica bei einem Zirkus für Kinder, die auf der Straße leben. Ihre Neugierde für soziale Arbeit wird zum Berufswunsch. Von Latein-Amerika war sie zwar angezogen, aber der ausschlaggebende Grund in Cordoba, Argentinien, zu studieren war ein anderer. Die Ausbildungen dort sind fundierter, kritischer und länger. Sozialarbeit hat dort einen ganz anderen Stellenwert, denn in diesem Teil der Erde geht es um ganz andere Herausforderungen. Es gibt ländliche Gemeinden, die von Goldabbau-Konzernen in ihrer Existenz bedroht sind. Große Agrar-Firmen wie Monsanto besprühen riesige Soja-Felder mit Düngermittel und Pestiziden, die bei Kindern Missbildungen verursachen. Bauern, die seit Jahrhunderten Land bebauten das jedem gehörte, weil es kein Privateigentum gab, werden plötzlich von Großgrundbesitzern vertrieben. Um die Bevölkerungen zu informieren und ihnen die Mittel zu geben, den Kampf etwas weniger ungleich zu gestalten, kommt Sozialarbeit ins Spiel.

Von der Strasse in die weite Welt

Und das sehr erfolgreich. Das Projekt in Costa Rica, bei dem ein Jahr arbeitete, zeigt gut was mit Sozialarbeit erreicht werden kann. Vida Nueva nutzte ein Zirkus-Projekt, um Kinder von der Strasse zu holen und über häusliche Gewalt aufzuklären. Daraus entwickelte sich eine Truppe professionneller Zirkuskünstler, die sogar Tourneen in der EU machten. Mehr über Vida Nueva lesen Sie hier.
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Ihre Erfahrung kann sie perfekt in der Siedlung anwenden. Auch wenn das Umfeld eines der reichsten Länder der Welt sich stark von dem Schwellenländer unterscheidet, sieht Dominique viele Parallelen. Die Dauer der Kindheit: Oft fällt sie in Familien mit wenig Einkommen viel kürzer aus, Kinder werden viel früher mit der härteren Seite des Lebens konfrontiert. Sie müssen sehr bald Verantwortung übernehmen, verbringen sehr viel Zeit Draußen, weil sie nicht nach Hause können, dürfen oder möchten. Aufmerksamkeit, Vorbilder, Halt gebende Reibungsflächen sind seltener. In Summe, eine unglückliche Mischung aus zu wenig und zu viel. Zu wenig Aufmerksamkeit, zu viel Zeit, was sich gegenseitig bedingt.

Dom wirbelt
Jonglieren erweitert den Horizont
Bei den Angeboten von Mobil im Kiez geht es um mehr als Jonglieren, auf Stelzen gehen, oder auf Seilen balancieren. Natürlich sollen die Kinder auch Spass haben, sich bewegen, neue Fertigkeiten lernen, ihr Körpergefühl entwickeln. Aber Dominique Eckstein und Sofie Storz sind in erster Linie dadurch im Gespräch. Sie hören genau hin auf die Vorstellungen, die Kinder direkt oder indirekt zeigen. Die sie hier und dort aufschnappen und vielleicht kritiklos übernehmen. Vorstellungen über die Rollen von Mann und Frau, über anders lebende, anders aussehende oder anders glaubende Menschen. Sie reagieren auf Bemerkungen die en passant fallen. Ohne daraus einen Akt zu machen, ohne belehrend zu sein, aber um den Kindern und Jugendlichen einen Denkanstoss zu geben. Wird durch körperliche Beweglichkeit auch die geistige gefördert? Jonglieren und Seiltanzen hat offensichtlich als Nebenwirkung die Erweiterung des Horizonts. Mobil im Kiez bietet aber auch Workshops an, die ganz direkt Vielfalt und Toleranz ansprechen.

Dom mit Zopf
Von der Karibik nach Kreuzberg – mit dem selben Willen, Dinge zu ändern             

Wie kommt man von südlicheren und wärmeren Breiten, mit vermutlich Palmenstränden, in die Düttmann-Siedlung? Natürlich dank einer Kleinanzeige. Nach der Rückkehr nach Deutschland stieß Dominique auf eine Anzeige des Nachbarschaftshauses Urbanstr. e.V., das Sozialarbeiter*innen suchte. Beim Projekt Mobil im Kiez stieß sie auf Sofie Storz, die sich zeitgleich beworben hatte. Schnell wurden die beiden ein eingespieltes Team, das seit fast zwei Jahren im Viertel arbeitet.

Das Bedürfnis, Misstände aufzuzeigen und anzugehen teilen sie. Gegen die Entscheidung, die Notunterkunft in der Geibelstraße aufzulösen schrieben sie einen Artikel in der Kreuzberger Stadteilzeitung Kiez und Kneipe. Seit Monaten führen sie minderjährige Geflüchtete und Kiezbewohner zueinander, mit Erfolg – und mit gemeinsamen Ausflügen, Bauen und Klettern und Grillen in Tempelhof. Die jungen Geflüchteten und Kiezkinder verbringen jetzt viel Zeit miteinander, die Neuen fühlen sich heimisch.
Fällt die Neuverteilung der Geflüchteten rücksichtslos aus, reißen frisch geknüpfte Freundschaftsbanden, erste Wurzeln werden ausgerissen. Hoffen wir aufs Beste, aber die Politik bietet manchmal mehr Eiertänze als Seiltänze. Und wie wir heute gelernt haben, machen nur letztere geistig beweglich.

Dom Schornstein

Mobil im Kiez bietet gemeinsam mit Koduku e.V. und den GraefeKids ein Zirkus-Workshop vom 15. bis zum 22. August an, täglich von 12 bis 16 Uhr auf dem Werner Düttmann Platz. Was da alles angeboten wird, liest man im folgenden Abschnitt.


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