BERICHT: Eine Studie zu einem strukturellen Problem der Siedlung

Die Gewaltfrage aus Sicht der Jugendlichen

Wiederkehrende Gewalt unter Teenagern der Siedlung wurde schon oft besprochen. Aber selten so umfassend wie in der Studie der HU-Stadtsoziologen Talja Blokland und Vojin Serbedzija. Mit einem einfachen Mittel: Die Perspektive der Jugendlichen einfangen, um die Welten zwischen den Weltanschauungen skizzieren. Die Studienpräsentation im Dütti-Treff liegt Wochen zurück, die Frage bleibt leider aktuell. Abschließende Vorschläge bieten vielleicht einen Weg aus der Sackgasse der Gewalt.

Sind sogar lokale Behörden mittlerweile so entfernt von Bewohnern, dass sie Studien brauchen, um sie zu verstehen? Wenn ja, muss man dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg eins zu Gute halten: Die ideale Besetzung für den Auftrag gefunden zu haben. Talja Blokland vom Institut für Stadtsoziologie der HU promovierte über Nachbarschaften und Gemeinschaft in angespannten Gebieten, analysierte die sozialen Folgen von Gentrifizierungsprozessen sowie das Verhältnis zwischen Baustruktur und Vertrauen in den öffentlichen Raum. Und das in den Niederlanden, ihrem Ursprungsland, den USA und jetzt auch in Kreuzberg.

«Gewohnt ist nicht normal – Jugendalltag in zwei Kreuzberger Kiezen», so der Titel der Studie, untersucht zwei Quartiersmanagementgebiete des Bezirks mit identischen Problemen: Gewalt unter Jugendlichen, rund um das Hallesche Tor und in der Düttmann-Siedlung. Die Frage beantworten die Jugendlichen gewissermaßen selbst. In insgesamt 37 Interviews, knapp die Hâlfte davon mit Teenagern der Siedlung allein, schildern sie ihre Sicht auf die Ursachen ihrer erhöhten Gewalt- und Deliktbereitschaft, die sich in den Statistiken nachlesen lässt. Das Erstaunliche dabei: die Offenheit und Klarheit mit der sie es tun, was auf die Qualität der Gespräche zurückzuführen ist, die mehrheitlich Bloklands Kollege Vojin Serbedzija hielt. Die Jugendlichen wissen vielleicht nicht zur Gänze, was die Konsequenzen ihrer Taten sind, sie wissen aber ziemlich genau warum sie es tun und was die Herausforderungen der Gegend sind, mit der sie sich so stark verbunden fühlen.

Ohne Moos viel los
Eine der Hauptursachen ganz klar ist Geldmangel. Der ist chronisch und für Jugendliche eigentlich normal, nur haben die meisten Eltern die Abhilfe leisten können. Nicht so in der Siedlung. Das spärliche Einkommen wird zusätzlich von steigenden Mieten geschmälert. Um schnell an ein bisschen Geld zu kommen, verlassen einige den Rahmen der Gesetze und greifen zu Diebstahl und Racket. Das ist zwar in ihren Augen «kriminell, aber nicht sehr schlimm». Eine flexible Sicht der Dinge. Arbeit wäre natürlich auch ein Mittel, nur ist der Zugang dazu für sie erschwert. Wer nicht von Haus aus vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen ist, gemeint sind damit die Aufenthaltsduldungen, die seit mehreren Generationen einige Familien betreffen, ist mit anderen Blockaden konfrontiert. «Wir sehen aus wie Kriminelle!» meint ein Teenager. Ein anderer sagt, er hätte Hunderte von Bewerbungen geschickt, ohne Erfolg. Viele davon sogar ohne Fotos, um seine Chancen zu erhöhen. Ein Mitarbeiter des Bezirksamts bestätigt die Hürde der Herkunft und schlägt anonymisierte Bewerbungen vor.

Draußen ist ein feindlicher Ort
Der schulische Erfolg ist auch Mangelware, wozu sicher die demotivierende Haltung der Lehrkräfte beiträgt. «Du schaffst das nicht» hören die Jugendlichen oft von Personen, die eigentlich bezahlt werden, um Heranwachsende zu stärken. Ein anderer Faktor ist die räumliche Enge. «Wenn Du mit acht Personen in einer zwei Zimmer Wohnung wohnst, hast Du nie Ruhe. Es ist fast unmöglich für die Schule zu lernen.» Man könnte natürlich in Bibliotheken gehen, aber die Jugendlichen geben auch eine Erklärung für ihre Verhaftung an den kleinen Kiez, den sie selten verlassen. Zu ihm haben sie ein zweispältiges Verhältnis, sie mögen ihn, empfinden ihn aber auch als Gefangenschaft.

«Am meisten sind wir hier, zu 80%., 10% zu Hause und 10% Arbeit, wenn man Arbeit hat. Aus diesem Ort kommst Du nicht mehr raus. Es ist schön hier, es gibt alles was man braucht, aber man sieht dann keine Welt mehr.» Obwohl das Viertel an Verkehrsmittel gut angebunden ist, besuchen sie so gut wie keine anderen Teile der Stadt. Sie fühlen sich dort wie Fremdkörper, werden schief angeguckt, wenn nicht abfällige bis aggressive Bemerkungen fallen. Rassismus-Erfahrungen, die ein Mitarbeiter des Jungendclubs bestätigt, der sie bei einem Ausflug begleitete.

Aber manchmal sind sie sogar in ihrem Kiez vor Anfeindungen nicht sicher. So kam es einmal zu einem Streit mit einem älteren Herrn, der die Düttmann-Siedlung als «IS-Hochburg» abstempelte. Auch wenn das inhaltlich an Nonsens grenzt, die feindliche Haltung kam unmissverständlich rüber. «Man geht davon aus, dass wir vom Mensch her alle Arschlöcher sind», fasst es ein Teenager zusammen. Das Zitat ist der Titel des Kapitels Begegnungen außerhalb der Peer-Group.

Von guten und schlechten Bullen
Nähere Begegnungen mit der Berliner Polizei sind auch an der Tagesordnung. Mit der ist es wie russisches Roulette. Zwar sind die Beamten sachlich, einige jedoch machen keinen Hehl aus ihrer Ablehnung zu Menschen nicht-deutscher Herkunft. «Es gibt gute und schlechte Bullen. Wenn Du Pech hast, erwischst Du einen schlechten. Einen Rechtsadikalen zum Beispiel. Der versucht Dich dann noch zu provozieren, und wenn Du drauf eingehst, versucht er Dich fertig zu machen. Wegen Beamtenbeleidung kann er Dich dann auf den Boden werfen, oder Handschellen anbringen.» Ein Jugendlicher berichtet einmal durch Bahnhof Ostkreuz gerannt zu sein, weil er zu spät für sein Praktikum war, prompt wurde er von Polizisten angehalten. Sie vermuteten, er hätte etwas gestohlen. Dieses Verhalten betrifft aber nicht die Mehrheit der Polizisten, sei dazu gesagt.

Der Blick weiblicher Teenager fehlt
Die Studie erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität, dafür fehlen noch weitere Gespräche mit weiblichen Teenagern und eine begleitende Umfrage. Die Gespräche fanden überwiegend mit Jungs statt. Dennoch geben sie einen tiefen Einblick in die Welt der jungen Bewohner der Siedlung, die hoffentlich nicht ohne Folgen bleibt. Eine weitere Besonderheit der Studie: Sie begnügt sich nicht mit einer Beschreibung, sie schlägt auch Lösungen vor. Hinter dem Begriff strategische Richtungen steht der Versuch, keine konkreten Maßnahmen anzubieten. Dennoch fließen viele Beispiele anderer Städte ein, die ähnliche Herausforderungen kennen, dabei viele aus den Niederlanden. Die meisten setzen auf Sport, um Regeln zu vermitteln und das Selbstbewusstsein zu stärken.

Nach der Misere, Möglichkeiten
Ein Projekt scheint in einer von Arbeitslosigkeit geprägten Gegend besonders sinnvoll und stammt von einer niederländischen Psychologin. Sie bemerkte, man bereite in der Schule Jugendliche auf Arbeit vor, aber niemand zeige ihnen, wie diese Arbeit aussehen könnte. Und oft lebte es niemand ihnen zu Hause vor. Berufstätige Dozenten werden eingeladen, von ihrer Arbeit zu berichten, nachfolgende Workshops erklären den Teilnehmern, was sie für diese Arbeit brauchen. In Hamburg gibt es schon ein Pilotprojekt der IMC Weekend School. Vielleicht auch bald in Kreuzberg? Das wäre sicherlich einen Versuch Wert, um die Ferne zu Bildung und zum Arbeitsmarkt zu reduzieren.

Weiterführende Links:

Die Studie im Logos-Verlag Berlin (als PDF gratis)

Über Talja Blokland

Artikel von Vojin Serbezija über Transkulturalität

 

 


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