BERICHT: Wo die Jugendlichen der Siedlung Fussball spielen

Kicken in Tempelhof

 

Weil der Jugendclub drehpunkt zurzeit umgebaut wird und auf dem Bolzplatz ein stattlicher Kran steht, müssen die Fußballer der Siedlung ausfliegen. Nach Tempelhof zum Beispiel, in der Halle direkt neben einer der größten Flüchtlingsunterkunft Berlins. Par ordre du Mufti, oder der zuständigen Behörde, ist dort Fotografieren untersagt. Auch das lässt sich umgehen, mit Zeichnungen. Zum Ausflug zum Flughafen.

Was ein kurzer Bericht über ein Aktion des Jugendclubs drehpunkts an einem sehr ungewöhnlichen Ort sein sollte, wurde zu einer zähen Angelegenheit. Wann wird schon Fußball in den Hallen eines Flughafens gespielt? Ist das nicht ein paar Fotos wert? Also spazierte ich eines Abends ahnungslos mit einem Fotoapparat zur Halle F, in der eine Sporthalle für die Geflüchteten eingerichtet wurde die vom Jugendclub drehpunkt temporär genutzt werden darf. Ich passierte ohne Schwierigkeiten die Eingangsschleuse. Nach fünf Türmen, davon steht am bogenförmigen Gebäude von über einem Kilometer Länge alle 200 Meter einer, stoppte mich ein Sicherheitsmann.

Dass ich nur einen Bericht für einen Newsletter machen wollte, mit einer begrenzten Anzahl von Lesern, wenn auch handverlesen, interessierte ihn wenig. Es ging hier um das Prinzip. Er hielt Rücksprache mit seiner Vorgesetzten, die Direktsprache mit mir hielt und mir das in behördliche Anordnungen gegossene Prinzip detailliert aufschlüsselte. Bei jenen gab es keinen Millimeter Spielraum. Der Apparat wurde konfisziert, ich murmelte Unsachliches, das im Kontrast zur Nüchternen Professionalität der Dame stand. Das Prinzip: Es bestehe die Gefahr, dass auf den Aufnahmen Geflüchtete zu erkennen seien. Möglicherweise mit einem Basketball.

Am alten Flughafen Tempelhof erhält man widersprüchliche Signale. Ob das in der Integrationspolitik auch so ist?

Nach erfolglosen Versuchen eine Aufnahmegenehmigung zu erhalten, erinnerte ich mich an die Skizzen aus Gerichtsreportagen. Wenn man bei Gericht zeichnen darf, dann auch sicher im Mittelsicherheitstrakt Tempelhof. Dank eines großen sozialen Netzwerks, das liederlich mit den Daten seiner Nutzer umgeht, war schnell ein Zeichner gefunden. Beim Preis wurde man sich auch schnell einig; jetzt konnte der Bericht, der eigentlich ein kurzer sein sollte, geschrieben werden. Er bleibt immer noch kurz, nur ist die Vorgeschichte aus behördlichen Gründen etwas aufgebläht.

Eine Zeichnung entsteht… in den 30er Jahren baute man eindeutig viel zu detailreich.

Seinen Auftrag begann der Zeichner mit einem Seufzen. Als er die Halle F betrat, die ca. 100 Meter breit, 300 Meter tief, 20 Meter hoch, ungefähr 10 Stahlsäulen und unzählige kleine Fenster hat, eine Decke bespickt mit Rohren, Scheinwerfern, Spulen und Kabeln, blickte er mich besorgt an. Er wollte auch von mir ein Prinzip erfahren: Wie wichtig sei mir Realismus? Anders als die o.g. Vorgesetzte antwortete ich etwas schwammig. Ich zeigte auf den eingezäunten Fußballplatz an einem Ende der Halle, in der auch ein Basketballfeld und noch weitere Turngeräte Platz hatten. Trotzdem wirkte sie immer noch riesig.

Ich deutete auf den Fußballplatz. Der sei wichtig, denn dort spielten gleich die Jungs vom drehpunkt. Idealerweise sähe man die spielen. Zu dem Zeitpunkt spielten afghanische minderjährige Geflüchtete, von denen ich zufällig einen durch ein Projekt an einer Schule in Charlottenburg kannte. Seinen Weg nach Deutschland hatte er mir kurz geschildert. Er war alleine von Afghanistan nach Griechenland gekommen, zu Fuß, und hatte dort zwei Jahre in einem Heim für Geflüchtete verbracht. Nach Italien brachte ihn ein LKW, unter welchem er auf der Platte für Ersatzreifen Unterschlupf fand. Von meinem Umgang mit ihm wusste ich, wie schnell er Wissen aufsaugte, und wie schnell er Vermitteltes nicht nur anwendete, sondern auch weiterentwickelte. Dass er zusätzlich ein zäher und geschickter Fußballspieler war, trotz seiner Feingliedrigkeit, sah ich an diesem Abend zum ersten Mal. Von seinem für einen 14jährigen bewegten Leben merkte man nichts: Man sah einen Heranwachsenden, der glücklich und ambitioniert spielte.

Vor der Kolorierung: Im Hintergrund viele kleine Gründe zum Seufzen…

Der Zeichner wählte einen Blickpunkt, ich brachte ihm einen Stuhl, dort sollte er ca. eine Stunde bleiben. Inzwischen erreichte die drehpunkt-Crew, Personal und Teenager, das eingezäunte Feld. Im Anblick der Partie, die gerade im Gang war, entschlossen sie sich, sie nicht zu unterbrechen, sondern das Außenfeld zu nutzen. Wir ließen den Zeichner bei seiner Arbeit und betraten das Flugfeld.

Im Vergleich zur riesigen Fläche die zur Verfügung stand fiel das Fußballfeld eher klein aus. Gerade mal 6 mal 10 Meter. Der Blick erstreckte sich über das ganze Tempelhofer Feld, nur linkerhand stand ein frisch errichtetes Containerdorf. An die 50 machte ich aus, all knallweiß, bewohnt wirkten sie nicht. Auch von den Geflüchteten, laut Zeitungsberichten an die 5.000, bekam man kaum einen zu Gesicht.

Die Jungs der Siedlung spielten ein schnelles Fußball, Tore fielen oft, gefolgt von zeitgleichen Freudenschreien auf der einen Seite und Anschuldigungen auf der anderen. Ob die Vielzahl der Tore an der Qualität der Spieler lag, oder an der Schwäche der Torwarte, konnte ich nicht ausmachen, zu bescheiden ist mein Fußballwissen. Die Partie wurde musikalisch untermalt, ein gefühlvoller Schmuse-Rap beschallte Tempelhof. Erzieher Bayram erklärte mir, es sei die Playlist der Teenager. Langsam wurde es dunkel, der Zeichner gesellte sich zu uns, und begann auch das Außenfeld zu malen. Die Scheinwerfer erleuchteten und tauchten das Feld in ein sehr fotogenes Licht. Ich prüfte sorgfältig, ob auch kein Sicherheitspersonal, oder ein Geflüchteter zu sehen sei, und wagte ein bis zwei Fotos.

In den Spielpausen knabberte ich mit den drehpunkt-Jungs Chips und Erdnüsse. Alle blickten interessiert auf die Zeichnung die gerade entstanden war, da ich noch ein Porträt gut hatte, fragte ich in die Runde, wer interessiert sei. Die Teenager winkten ab, Erzieher Bayram schien nicht abgeneigt. Zwanzig Minuten später konnte er sein Abbild bewundern, die Jungs nickten anerkennend.

Der Erzieher Bayram, nach abgeschlossenem Diplom auch ‘The Bachelor’ genannt…

Neben dem Erzieher hatte der drehpunkt eigens zwei Kicker verpflichtet. Der eine war Student der Amerikanistik und hatte auf seinem Schenkel ganz Mittelamerika tätowiert. Ich war versucht, diese Rarität zu fotografieren, fragte mich aber, ob Schenkel wirklich eine passende Illustration eines Newsletters seien und verzichtete. Der andere war der Cousin eines Bewohners der Siedlung und hatte seinen Studienkumpel mitgebracht.

Gegen 21 Uhr kam ein Sicherheitsmann und meinte, das Feld würde bald schließen. Nach ein paar letzten Ballwechseln beschlossen die Jungs, Feierabend zu machen. Wir schlenderten langsam Richtung Ausgang, meldeten uns offiziell ab, um keine behördlichen Wellen zu schlagen, und gingen alle nach Hause.

 

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