BERICHT: Schweizer Video-Projekt über Bewohner der Düttmann-Siedlung

Über Allah und die Welt

Bis in die Schweiz reicht die Bekanntheit der Düttmann-Siedlung. Im Sommer kamen Mitarbeiter*innen der Zürcher Hochschule der Künste in den südlichen Graefe-Kiez, am 24.10.19 präsentierten sie beim Nachbarschafts-Stammtisch die Früchte ihrer Arbeit: Drei Video-Interviews von Bewohner*innen. Bericht des Abends und der regen Diskussion, die folgte.

Was machte ein Trupp von Schweizer*innen in der Siedlung im Sommer 2019? Ganz einfach. Auf der Suche nach Orten, um «Die fragmentierte Stadt» zu visualisieren, so der Titel eines Forschungsprojekts der Zürcher Kunsthochschule, landeten sie dort. Ausgestattet mit Kameras und Mikrofonen, lockten Sie Bewohner*innen und Besucher*innen der Siedlung zu Interviews. Mit einem Gespür, das sogar erfahrere Profis unter den Sozialarbeiter*innen des Gebiets erstaunte.

So zum Beispiel das Interview von Christian, einem Kiosk-Betreiber an der Urban- Ecke Grimmstr., das erste der drei Videos des Abends. Obwohl er in der Wohnanlage seit Jahren wohnt, sah ihn die Leitung des Nachbarschaftstreffs zum ersten Mal. Der redselige Berliner erlaubt einen Einblick in seinen Alltag und in seine Ansichten über sein Wohnumfeld. So wie die Schweizer*innen mittels Kamera ihn beobachten, so beobachtet er von seinem Fenster aus das rege Treiben auf dem Werner-Düttmann-Platz, der von Bewohner*innen mit Migrationshintergrund gerne genutzt wird. Er stellt wertfrei eine gewisse Fremdheit fest, bei der gleichzeitig etwas Wehmut durchklingt. Denn das deutsche Sozialleben, moniert er, sei nicht so engmaschig. Die Deutschen verbrächten abends mehr Zeit vor ihrem Fernseher, als in der Gruppe über «Gott, oder Allah und die Welt» zu reden.

Christian beobachtet von seiner Wohnung das rege Treiben auf dem Düttmann-Platz.


«Ich finde es so schade, dass die Ausländer und die Deutschen so getrennt leben»
meint Helga, die Protagonistin des zweiten Videos. Sie ist zwar keine Bewohnerin, dafür ein regelmäßiger Gast der Siedlung. Besucher*innen des Nachbarschaftstreffs werden sie vermutlich kennen. «Viel schöner wäre es, wenn man durchmischter leben würde» fügt sie hinzu. Als eine mögliche Ursache dieser Trennung nennt sie die Schranken an den Eingängen der Siedlung, die allein durch die rot-weiße Farbe signalisieren würden, Achtung, Grenze. Sie hätte Jahre gebraucht, um ihrer Neugierde nachzugeben und den engen Bürgersteig bis zum Werner-Düttmann-Platz mit ihrem Rollstuhl zu befahren. Und siehe da, was sie entdeckte, war «das blühende Leben». Seitdem vergeht kaum ein Tag, an dem sie nicht den Nachbarschaftstreff besucht.

Helga auf dem Weg zum Dütti-Treff, den sie gerne und deswegen fast täglich besucht.

Im dritten Video erzählte ein jüngerer Bewohner der Siedlung, aus arabisch-kurdischem Elternhaus, über das Aufwachsen im Quartier und seine Wahrnehmung der vielen Kulturen, die sich nur teilweise vermischen. Weil das Video noch nicht komplett fertiggestellt war, ist es noch nicht zur Sichtung freigegeben. Mehr dazu, wenn es in wenigen Wochen verfügbar ist. Berlin ist nur eine von insgesamt drei Städten im deutschsprachigen Raum, in dem Exklusionsprozesse dokumentiert werden. In Graz und Zürich machte das Schweizer Team ebenfalls Station, genaueres zu ihrem Projekt ist am Ende des Artikels verlinkt, sowie die beiden freigegebenen Videos. 

Thomas Schärer, Aya Domenig und Jürgen Krusche von der Zürcher Kunsthochschule lauschten mit Interesse den Reaktionen der Zuschauer*innen und Protagonist*innen, die auch anwesend waren. Allgemein gefielen die Filme sehr gut, optisch sind sie auch sehr gelungen. Man bedauerte nur, dass es nicht mehr Interviews gäbe. Ob ein Berliner Kunsthochschulen-Team auch so ein Projekt in Zürich machen könnte? Auf jeden Fall, meinte Schärer, er wohne selber in einer vergleichbaren Anlage. Nur dass der Migrationshintergrund bei den Eidgenossen viel öfter «jugoslawisch» sei. Wer seine Meinung zu den Videos kundtun will, kann dies in dieser kurzen Online-Umfrage machen.

Die bekannte Allee aus Sicht der Schweizer, die ganz sicher ein Sinn fürs Schöne haben.


Was am Stammtisch so besprochen wurde…

Als die Schweizer*innen gegangen waren, begann der eigentliche Nachbarschafts-Stammtisch. Das erste Thema waren die erhofften geschützten Stellplätze für Fahrräder. Man freute sich über den hohen Rücklauf der Umfrage, jetzt galt es die Hausverwaltung zu kontaktieren, in der Hoffnung, sie würden sich der Frage annehmen. Dann kam die Planung des Bezirks-Besuches, der für den nächsten Stammtisch angekündigt ist: Der Stadtradt Andy Hehmke, verantwortlich für Bildung und Sport. Worüber wolle man mit ihm reden? «Warum die Graefe-Straße so dreckig sei», sagte ein*e Teilnehmer*in, gleich danach folgte ein Zuruf, seit der Baustelle sei es zu einer richtigen «Hundekacke-Allee» geworden. Man sinnierte über die als sehr unterschiedlich intensiv wahrgenommene Arbeit der BSR und vermutete, dass bessere Gegenden öfter den Besuch von Reinigungstrupps erhielten.

Als weitere Gesprächsthemen kamen die Vorschläge, ob das Abwickeln des QMs eine gute Idee sei? Warum denn die Lemgo-Grundschule jetzt eine spanische Ausrichtung entschieden hätte, obwohl es so viele Kinder aus türkisch- und arabischsprachigen Familien dort gäbe? Verschiedene Vermutungen kursierten, die man alle unter dem schon einige Zeilen vorher gefallene Schlagwort « Trennung » zusammenfassen könnte. Im Schulgebäude auffallend sei, dass jetzt alles zweisprachig, also Deutsch und Spanisch, ausgeschildert sei, obwohl das jahrelang nie der Fall mit Türkisch oder Arabisch, gewesen sei. Man bedauerte auch, dass die Schule sich überhaupt nicht am Projekt der Spielstraße vor ihrer Haustüre in der Böckhstr. beteiligt hätte. Was letztendlich besprochen wird, erfahren sie im kommenden Newsletter.

Auf jeden Fall schien es beim Stammtisch nicht an Gesprächsbedarf zu mangeln – das letzte Thema war, wie man die Anzahl von Gesprächspartner*innen am Stammtisch erhöhen könne. Es sei noch nicht angekommen, dass der Nachbarschaftsstammtisch offen für alle Bewohner*innen des Graefekiezes ist. Ein guter Ort für Austausch, um eigene Grenzen zu überwinden. (die nächsten Treffen: siehe unten Termine). Auch solle für die KiezAktiv-Kasse noch Werbung gemacht werden, denn diese sei auch eine gute Möglichkeit sich kennenzulernen und sich gemeinsam für Vielfalt im Kiez einzusetzen.

 

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