Über Götter und die Welt

Berlin ist ein religiöses Paradoxon: Es ist die Hauptstadt in Europa mit den meisten Konfessionslosen, über 60%, gleichzeitig unüberschaubar viele Glaubensrichtungen. Fast alle Religionen und deren Untergruppen sind vertreten. Da Religionszugehörigkeit aktuell überbewertet wird und verkürzte mediale Darstellungen Ängste schüren statt sie abzubauen, ist die Initiative des Nacharschaftshauses Urbanstrasse so wohltuend wie sinnvoll. Vertreter von Religionen sprechen miteinander, anstatt dass andere über Religionen sprechen.

Die 5. Begegnungstage vereinten vom 6.7. bis zum 13.7.16 Christen, Muslime, Juden, Buddhisten und Baha’isten in und um den Graefekiez. Den Auftakt machte eine Kiezkaffee-Tafel am Zickenplatz, gefolgt von einem Picknick am Urbanhafen mit Geflüchteten. Am Sonntag den 10.7. öffneten alle Gotteshäuser und Tempel ihre Türen und luden zu einer Art “Gott-Hopping“ ein, unter der wohlwollenden Ägide der Sonne, die gönnerhaft Berlin einen richtigen Sommertag bescherte. Auch sie war mal ein Gott, vermutlich wollte sie den Weg zu ihren Nachfolgern erleichtern.

Bemerkenswert waren die Diskussionen am 11.7.16 im Bethanien-Haus Bethesda in der Dieffenbachstraße zum Thema Frauenbilder im Glauben und am 13.7.16, im Nachbarschaftstreff der Düttmann-Siedlung, Dem Fremden begegnen, Glaube und Religion als Wegweiser. Mit diesen zwei Veranstaltungen endeten die Begegnungstage.

Frauenbilder im Glauben
Im gut besuchten Café des Bethanien-Hauses waren sich Vertreter des Islams, des Judentums, des Buddhismus und des Christentums einig, dass die Gesellschaft einen starken Einfluss auf die Auslegung des Frauenbildes der Religionen habe. Anwesend waren Tanja Berg von der Synagoge Fraenkelufer, Sabine Fechner für das Buddhistische Tor, Feride Funda G.-Gençaslan für das Sufi-Zentrum Rabbaniyya, Pfarrerin Ute Gniewoß von der Heilig-Kreuz-Kirche und Pfarrer Thomas Steinbacher von der Christuskirche. Im Sinne der Lesbarkeit sei mir in Folge erlaubt, immer die Religionen anstatt deren Vertreter bei den Diskussionen zu nennen.
Gesellschaft vs. Religion: ein ungleicher Kampf
In diesem Punkt herrschte Konsens: Die jeweils vorherrschenden gesellschaftlichen Ansichten und Annahmen bestimmen maßgeblich die Interpretation der Schriften, die sehr selektiv wahrgenommen werden. Zwischen dem Bibeltext, der z.B. die Anhängerin Jesus´, Maria-Magdalena, nicht wertend als unabhängige Frau schildert, und der Interpretation der Exegeten folgender Jahrhunderte, liegen Welten. So wurde das selbstbestimmte Leben einer Frau, damals eine Anomalie, als moralisch verwerflich verurteilt. Das Gerücht der Prostitution hält sich bis heute, obwohl nichts dergleichen in der Bibel findet.

Geistliche Gedächtnislücken
Aber auch die Praxis der Religionen wird sehr lückenhaft berücksichtigt: Im Islam spielten gelehrte Frauen lange Zeit eine Schlüsselrolle zur Überlieferung des religiösen Wissens. Sämtliche Kenntnisse über das Leben des Propheten wurde von Frauen festgehalten. Die sogenannten Hadithe, oder Handlungen Mohammeds, sind für die islamische Lehre unverzichtbar. Imame suchten Frauen auf, um ein besseres Verständnis des Glaubens zu erlangen. Im Khalifat Andalusien gab es noch nicht die restriktive Auslegung des Korans, die Männern den Umgang mit Frauen außerhalb der Ehe verbietet. Im osmanischen Reich gründeten und leiteten Frauen Universitäten, was Mohammeds Vorstellung der Frau als Wissensvermittlerin entsprach.

Bei den Protestanten führte in den 60er Jahren das Streben der Frauen nach gesellschaftlicher Gleichberechtigung zu Pfarrer* und Bischöf*Innen. Besonders weibliche Vorbilder fehlten, um Frauen zu einer geistlichen Laufbahn zu inspirieren. Feministinnen haben auch im Judentum und im Islam starre Vorstellungen aufgeweicht, weibliche Rabbiner und Imame bleiben aber noch eine Seltenheit.

Die Mutter aller Unterschiede
Nur in einem Punkt scheint der Wandel der Gesellschaft wenig Einfluss zu haben, vermutlich auch, weil es sich hier um eine unverrückbare Tatsache handelt. Der biologische Unterschied zwischen Mann und Frau dient nach wie vor zur Rechtfertigung der Rollenunterschiede und Geschlechtertrennung. Ein Seelsorger muss rund um die Uhr für seine Gemeinde verfügbar sein, was bei Frauen, die ein Kind bekommen, nicht leistbar sei, so die Vertreterin des Islams. Was ist dann mit Frauen, die das Alter des Gebärens überschritten haben? Die Frage des Kiezredakteurs wurde nicht schlüssig beantwortet.

Die Buddhisten, die als Religion ohne Gott eine Ausnahme in der Runde bildeten, erklärten, dass ihre Tradition der Wissensübermittlung auf einer intensiven Lehrer-Schüler Beziehung basiere. Der Geschlechterunterschied könnte bei der erforderlichen Vertrautheit kontraproduktiv sein. Und die Erfahrung von Single-Sex-Mediations-Retreats hätten sich überraschend als sehr förderlich erwiesen, die Qualität der geistigen Praxis sei eine ganz andere. Die Vertreterin des Islams nickte, die Vertreter der Protestanten waren nicht überzeugt.

Fremden begegnen: Glaube als Wegweiser
Bei der Diskussion im Nacharschaftshaus der Düttmann-Siedlung herrschte unter allen vertretenen Religionen Einigkeit: Jede relativiere den Begriff des Fremden und strebe nach Einigkeit aller Menschen. Diesmal waren neben Protestanten (Marita Lessny, Heilig-kreuz-Kirche), Buddhisten (Amaragathna, Buddhistisches Tor), Muslimen (Feride Funda G.-Gençaslan, Sufi-Zentrum Rabbaniya) auch Bahah’isten (Aaron Dahm, Baha’i Gemeinde Fh-Kzbg) vertreten. Die existierenden Unterschiede seien als Aufgabe zu verstehen, den Menschen im Anderen zu erkennen. Die Rechtfertigung der Selbstverteidigung und auch manchmal der Gewalt, die sich in der Bibel und im Koran finden lässt, sei im historischen Kontext zu sehen. Hier haben es die Baha’Isten und Buddhisten einfacher: Letzterer ist pazifistisch bis zum Vegetarismus, ersterer konnte dank seiner Entstehung im 19. Jahrhundert die Irrwege der anderen vermeiden.

Schweizer Enthusiasmus und gefüllte Wissenslücken
Abschließend betrachtet waren die Begegnungstage ein Erfolg, Besucher gaben sehr positive Rückmeldungen. Ein Pfarrer aus der Schweiz war vom „authentischen Austausch“ begeistert und will auch im kommenden Jahr dabei sein. Eine Bewohnerin des Bethanien-Hauses schätzte den gewonnen Einblick in den Islam sehr, insbesondere das Anküpfen ans alte und neue Testament und die Anerkennung der christlichen Propheten sowie der Mutter Gottes durch den Islam. Das hätte sie in den zahlreichen medialen Darstellungen so noch nie gehört.

Allein die Tatsache, dass Vertreter verschiedener Religionen miteinander redeten ist als großer Erfolg zu werten. Eine Wohltat in Zeiten, in welchen viel über Religionen gesprochen wird, Hasardeure Unterschiede zu Hindernissen aufbauschen und dabei mit Halbwahrheiten hantieren. Vielleicht sollten sie die Surate des Korans befolgen: Ich habe Euch getrennt, damit ihr zueinander findet.“  Ein erster Schritt wäre die Kenntnis der Religionen zu verbessern und Diskussionen wie diese oft und an vielen anderen Orten zu wiederholen.


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