BERICHT: Ein Nachbarschaftsgarten entsteht

Von Insekten lernen

Am Ende der Graefestraße liegt ein merkwürdiges Fleckchen Erde. Eine Wiese, eingeklemmt zwischen dem Landwehr-Kanal, einer 4-spurigen Straße, einem Netto und einem überdimensionierten Klohäuschen. Sie ist weder schön noch begehbar. Dank dem Einsatz der Wahlberlinerin Cléo Mieulet und der QM-Finanzierung über den Aktionsfond, der nachbarschaftliches ehrenamtliches Engagement fördert, wird die Freifläche zu einem Kiezprojekt – eine von der Nachbarschaft gestaltenden Insektenwiese.

Was genau ist eine Insektenwiese? Die erste Frage war fast so kaltherzig wie es Achtfüßler sind. Vielleicht lag es am kalten Wind der während der Begehung der Wiese wehte. Aber der Kiezredakteur wollte wissen, ob man sich in einer bewegten Zeit in der so viel scheinbar aus den Fugen gerät nicht erstmal um Zweifüssler sorgen sollte?

«Bienensterben». So fing die Antwort von Cléo Mieulet an. Nicht nur Bienen sterben aus, und nicht nur Bienen bestäuben Pflanzen, sondern eine ganze Reihe brummender, oder scharf summender, auf jeden Fall fliegender Wesen. Die alle durch das umtriebige Sammeln ihrer Nahrung – Pollen – das Fortleben der Vegetation sichern. Und die sich in Städten wohlfühlen, da in der Landwirtschaft viel Insektengift genutzt wird. Zwar ist das Pollen der Städte ohne Gift, leider gibt es wenig davon. Denn Stadtgärtner privilegieren Zierpflanzen, die viel üppigere Blumen haben, dafür aber weniger Blütenstaub. Gärten und Grünflächen sollen in erster Linie schön sein, nicht nützlich, denken Städte.

Und Cléo Mieulet geht es um ein Umdenken, nicht nur in der Bepflanzung städtischer Grünflächen. Die Französin aus Paris-Umgebung nennt ein paar Beispiele eines radikalen Umdenkens aus ihrer Heimat, ein Umdenken der Rolle von Stadtverwaltungen. Da gibt es die elsäßische Kleinstadt Ungersheim mit 2.000 Einwohnern, welche die Versorgung der Kantinen auf 100 % lokal umstellte, ca. 100 Arbeitsstellen schuf um die städtischen Felder zu bestellen und mit einer Reihe anderer ökologischer Maßnahmen 120.000 € Betriebskosten sparte. Da gibt auch die Stadt Albi in Südfrankreich, die bis 2020 alle Nahrung für die 52.000 Einwohner aus einem Umkreis von 60 Km beziehen will. Grünflächen der Stadt sind jetzt schon Gemüsegärten, die Bewohner kostenlos ernten dürfen. Und da gibt es die Hauptstadt, Paris, in der Schnellstrassen am Ufer der Seine zu Parks werden sollen.

 

Graefe-Nachbarn beim Umpflügen.

Die komische Wiese am Ende der Graefestraße insektenfreundlicher zu gestalten geht in diese Richtung. Zur Begrünung von Stadtflächen sollen nicht nur Zier-, sondern auch Nutzpflanzen genommen werden. Damit schläge man zwei Fliegen mit einer Klappe (bitte das nur bildhaft verstehen). Insekten würden mehr Nahrung haben, Grünflächen würden mehr genutzt, bekämen einen sozialen Mehrwert. «Schon jetzt entstehen Verbindungen um die Arbeit auf der Fläche» sagt Mieulet. «40-45 Leute haben sie gemeinsam umgepflügt, einen Nachmittag lang. Man spricht sich ab, wer sie wann gießt. Nachbarn gehen gemeinsam pflanzen.» Ihr Plan selber eine Grünfläche umzugestalten gedeiht prächtig, der Email-Verteiler ist zu 90 Mitmachern angewachsen, ein Folgeprojekt gibt es schon: Die Begrünung der Verkehrsinsel am Kottbusser Tor.

Neue Pflanzen auf der ex-Wiese.

Wo setzt man an, wenn man selber Handeln will? Wenn man inspiriert von Beispielen die Ärmel hochkrempeln will? Wenn Cléo Mieulet den Weg von ihrer Idee zur Umsetzung beschreibt, muss man an die langen Wege die Ameisen zurücklegen, denken. Nur dass er nicht durch Felder, Wälder und dunkle Gänge eines Insektenbaus geht, sondern durch Amtsstuben, Vereinssitze und die verwinkelten Gedankengänge der Berliner Bürokratie. Dafür ging es aber recht flott oder Mieulet geht zügig. Im Februar fing sie an sich umzugucken, geriet über Die Linken zum Verein Rote Beete, dann dem Imkerverein Kreuzbergs, schließlich zum Quartiersmanagement in der Jahnstrasse. Das finanzierte das Vorhaben über den Aktionsfonds für nachbarschaftliches Engagement, Cléo Mieulet unterstreicht deren Hilfsbereitschaft.

Diese Amsel findet Insektenwiesen vermutlich auch gut.

Vorher gab es aber eine obligatorische Zwischenstation im Grünflächenamt. Die wegen einer bezirklichen Haushaltssperre leider handlungsbegrenzte Truppe stellte fachlich fundierte Bedingungen. Ein Profi sollte das Konzept der Fläche betreuen, um «schlechte» Pflanzen zu vermeiden. Das Amt bestand auf die Nutzung der Fläche zur Bildung von Schülern. Gesagt, getan: eine Kooperation mit der Lemgo-Grundschule besteht, die Wiese steht den Schülern offen und dort gibt es bereits Gartengeräte, die nun mitgenutzt werden. Ein Schlauch und Pflanzen wurden über den Aktionsfonds finanziert. Gebündelt werden die Materialien in einem Schuppen der Schule gelagert. Da viele der Lemgo-Schüler in der Düttmann-Siedlung wohnen ist die Graefestrasse nun zur Verbindungsstrasse geworden zwischen ihrem Wohnort und der Wiese.

Cléo Mieulet ist zufrieden, das Projekt läuft gut. Aber es gibt ein paar Sachen die man verbessern könnte. Die vielen ähnlichen Initiativen die entstehen, um Brachflächen der Stadt ehrenamtlich zu verschönern drohen buchstäblich auszutrocknen. Der Engpass ist die Wasserversorgung. Besonders im Sommer brauchen Gärten Bewässerung. Um Hydranten anzuzapfen braucht man städtische Standrohre die 1,30 € am Tag kosten. Bei diesem Preis können viele Initiativen sich keine über mehrere Wochen leisten. Sie wünscht sich einen Sozialtarif für ehrenamtliche Nutzer. Und ein standartisiertes Verfahren, damit Initiativen ohne allzu viele bürokratische Hürden zu einem Standrohr kommen. Das existiert bis heute nicht, jede Initiative muss das bürokratische Rad neu erfinden.

Würde die Stadt den Elan aller Initiativen fördern, so würden bald emsige Bürger-Gärtner ganz Berlin begrünen und verschönern, wie in einer großen Insektenkolonie. Am Anfang des Beitrags unterstellte der Kiezredakteur, Insekten seien kaltherzig. Liest man jedoch die Bücher des französischsprachigen Autors Maurice Maeterlinck, der 1911 den Nobelpreis für Literatur erhielt und dessen drei Werke Das Leben der Bienen, Das Leben der Termiten, Das Leben der Ameisen ein gewisses Interesse an Insekten vermuten lassen, versteht man die Hingabe der Ehrenamtlichen. Er beschreibt die Insekten als soziale Wesen die stabile, gegen äußere Bedrohungen unglaublich widerstandsfähige Gesellschaften bilden, in der das Allgemeinwohl über dem Einzelner steht. Und die fern der Klischees über Insekten auch sehr solidarisch miteinander sind. Es könnte also doch sein, dass wir von Insekten etwas lernen können.

 

Cléo Mieulet am oberen Ende der Graefestrasse.

Wer mehr über die genannten frz. städtischen Experimente erfahren will:


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