Wer war eigentlich der Herr Graefe?

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Albrecht von Graefe war mehr als ein Augenarzt. Der Pionier der Augenheilkunde etablierte diese als eigenes Fach, genoss weltweiten Ruhm für seine Arbeiten, gründete eine Fachzeitung und sogar eine Klinik. Dabei hatte er immer ein soziales Herz, er behandelte Arme so gut wie kostenlos. Rückblick auf einen medizinischen Superstar, der 1870 mit nur 42 Jahren starb, wie es sich für Superstars gehört.

Albrecht ist ungenau. Friedrich Wilhelm Ernst Albrecht von Graefe wäre richtig. Standesgemäß erblickte er im Mai 1828 das Licht der Welt in der Villa Finkenheerd im Tiergarten, mittlerweile zerstört. Wenn man in einer Villa zur Welt kommt…

… hat man einen hochgestellten Vater, in diesem Fall war es Karl von, ebenfalls Arzt, königlich preußischer Geheimer Medizinalrat, Generalstabsarzt der Armee und Uni-Professor noch dazu. Der kleine Albrecht besuchte das Französische Gymnasium, der Teenager studierte Physik, Chemie, Mathematik und Medizin, der Mittzwanziger machte seine Dissertation auf Lateinisch und war Doktor in der Mindestzeit. Nach einer Praktikumsrunde in Prag, Wien, London und Paris kam er zurück nach Berlin, habilitierte, und eröffnete eine Augenklinik. Mit 29 Jahren. Albrecht hatte stets die Zeit im Auge.

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In dieser Augenweide von Villa wuchs Albrecht von Graefe auf.

Aber das war ihm noch nicht genug. Albrecht war ein Visionär mit einem Auge für Machbarkeit. Er gründete die Deutsche Ophtalmologische Gesellschaft und wie man einem Brief an einen Kollegen entnimmt, war er noch dazu ein geselliges Arbeitstier: „Ich habe daran gedacht, ob es nicht zu verwirklichen wäre, dass gewisse eifrige Jünger der Ophthalmologie sich alljährlich an einem schönen Punkte, z.B. Heidelberg, träfen und einige Zeit des Beisammenseins, z.T. in wissenschaftlichen Bestrebungen und Mitteilungen, z.T. in harmloser Muße verbrächten“. Ist aber auch logisch, um Gesellschaften zu Gründen, sollte man gesellig sein. Man beachte nebenbei die leichtfüßige Verwendung des Konjunktivs. Die DOG gibt es heute noch, ihre Zeitschrift auch noch, die natürlich Graefe auch gründete.

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Ein Augenblick aus Albrechts Wirken: Behandeln und Erklären.

Seine Erfindungen, wie das Graefe-Messer, seine Techniken, wie die „modifiziert lineare Extraktionsmethode“, seine Erfolge bei der Behandlung des grünen Stars und des Schielens brachten ihm bald Weltruhm ein. Fachbegriffe tragen heute noch seinen Namen, wie das « Graefe-Syndrom », der « Graefe-Fleck » und der « Graefe-Reflex ». Wie schon erwähnt machte er keinen Unterschied bei seinen Patienten, egal aus welcher Schicht sie stammten, so daß ein Schüler ihn einen « Apostel der Menschheit » nannte. Am Herz mangelte es ihm nicht, wohl aber an der Lunge. Denn der Ausnahmearzt starb an einer Entzündung der Atemwege mit nur 42 Jahren. Trotz dieses frühen Ablebens waren seine Leistungen und sein Wirken so groß, dass er gleich mehrfach Statuen in Berlin erhielt und eine Strasse nach ihm benannt wurde. Der im Tiergarten geborene, in Tempelhof wohnende, in Mitte arbeitende liegt in Kreuzberg begraben, im Friedhof der Heiligen-Kreuz-Kirche bei der Zossener Strasse. Albrecht von Graefe bleibt also für alle Ewigkeit ein zweifacher Kreuzberger, sogar ein dreifacher, wenn man sein großes Herz und sein soziales Engagement miteinbezieht.

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Auch optisch mutete Graefe recht Kreuzbergerisch an.

 


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