FIRMEN IM VIERTEL: Die KFZ-Werkstatt Guylas & Apel an der Urbanstr. 64

Die drei von der Werkstatt


Früher weitverbreitet, heute fast schon eine Rarität: Die KFZ-Werkstatt im Hinterhof. An der Urbanstr. 64 gibt es seit exakt 40 Jahren eine, aus der ein regelrechtes KFZ-Reparatur-Cluster mit mehreren Firmen entstanden ist. Der Erhalter der Tradition und Hauptmieter aller Flächen ist die Werkstatt Gulyas und Apel. Es ist sicher kein Zufall, wenn unter einem Dach drei Generationen der selben Familie an Autos schrauben. Eine Reise in ein Stück heile Welt.

«In Kreuzberg, da brennt die Luft!» begeistert sich Michael Gulyas über die Gegend. Der lebhafte ältere Herr fährt fort: «Am Herrmannplatz, da ist noch richtig was los». Im Vergleich dazu ist Heiligensee, wo Gulyas wohnt, etwas tot, gelinde gesagt. Vielleicht schaut deswegen der KFZ-Meister trotz Pension fast jede Woche in die Werkstatt vorbei, die er 1978 mit seinem inzwischen verstorbenen Geschäftspartner gründete. Während ich den Vater interviewe, kümmert sich Sohn Andreas telefonisch um Kunden, seit 2008 führt er die Geschäfte. Der Enkel Felix kommt kurz ins Büro und meldet, das eine Auto sei fertig. Einen kurzen Moment stehe ich mit drei Generationen einer KFZ-Mechaniker-Dynastie in einem Raum: Vater, Sohn und Enkel. Und wie in jeder echten KFZ-Werkstatt ist eine leicht bekleidete Frau mit dabei. Eine, die nicht viel sagt, aber dafür 24 Stunden am Tag lächelt, was will man mehr: Die lebensgroße Papp-Madam eines namhaften Schmierölherstellers.

Michael Gulyas erinnert sich an die Eröffnungsparty der Werkstatt Ende der 70er, ein Grillparty. Der Sprung in die Selbstständigkeit war für ihn damals ein Wagnis. Er hatte eine gute Stelle bei VW, mit seinem Kollegen Apel redeten sie oft über eine gemeinsame Werkstatt. In der Zwischenzeit reparierten sie aus Leidenschaft Autos am Wochenende, auf einer Brache mit Remise nahe der Yorckstrasse. Die Qualität ihrer Arbeit sprach sich schnell herum, schnell genug, um das Gewerbeamt auf den Plan zu rufen. Die Beamten ließen sich zwar genauso schnell besänftigen, wie sie erschienen waren, aber irgendwann dachten sich die Gulyas und Apel: Warum nur für Bekannte am Wochenende? Warum nicht eine eigene Werkstatt? Apel kannte jemanden bei einer Bank, einen Kredit später hatten sie den jetzigen Standort von der Reifenfirma Marquardt abgekauft, samt zwei Hebebühnen. Der Traum der eigenen Werkstatt war Wirklichkeit geworden.

Die Lage an der Urbanstraße  war hervorragend. Ganz nah am Herrmannplatz, sehr gut mit dem Auto zu erreichen – und gleichzeitig in einer ruhigeren Ecke Kreuzbergs. Eine Demo oder sonstiges habe Gulyas hier in 40 Jahren nicht gesehen. Der Kundenkreis wuchs stetig – einige Kunden der ersten Stunde sind ihnen bis heute treu geblieben. Die Arbeitsteilung zwischen den beiden Kompagnons war völlig klar: Gulyas war Klempner. Er machte alles, was Außen an einem Auto anfiel. Apel war Schlosser. Er kümmerte sich um das Innere.

Sie arbeiteten viel, bis zu 12 Stunden am Tag, auch Samstags. Manchmal bekamen sie sich kaum zu Gesicht, weil der eine in diesem Teil des Hofes, der andere in jenem arbeitete. Fast wie zwie verschiedene Firmen. Apel war ledig, bei Gulyas hing der Haussegen nicht immer gerade, also passte die Arbeitslast den beiden. Sie übernahmen auch Arbeiten für größere Werkstätten und waren jeder Aufgabe gewachsen. «Auspuff und Bremsen, das kann jede Werkstatt. Wir konnten und können noch die etwas schwierigeren Sachen. Und wir waren immer billiger als die Vertragswerkstätten und sind es noch», sagt Gulyas stolz. Er erinnert sich wie er als Kind und Teenager sich nur für Mopeds und Motoren interessierte, in die Fussstapfen seines Vaters – ein Orthopädie-Schuhmacher – wollte er nicht treten. Von ihm erbte er einen ungarischen Namen, aber nicht die Sprache. Und weil er im tiefsten West-Berlin aufwuchs, beim Lietzensee, wurde aus ihm ein waschechter Berliner.

Andreas, der Sohn und mittlerweile Firmenchef, erinnert sich an Apel, den Kollegen seines Vaters: «Eine richtige Koryphäe, der hat jeden Fehler gefunden». Umso mehr ist ihm seine erste Begegnung mit Apel immer noch etwas peinlich. Der Meister forderte den damaligen Lehrling auf ein Auto zu starten, während er auf den Motor guckte. Der Lehrling vergaß den Gang zu prüfen und schubste seinen Lehrmeister ein paar Meter nach hinten, gleich am ersten Tag. Die Lehre verlief trotzdem gut. Aber nach seinem Abschluss wurde er von der Bundeswehr einzogen. Vier Jahre blieb er dort, machte eine Weiterbildung zum Panzer-Mechaniker, schließlich ist ein Panzer nichts anderes als ein schwerfällig geratenes Auto. Ein Zeit lang dachte er über eine Laufbahn bei der Armee nach, als aber die Zeit der Auslandseinsätze begann, wollte er das seiner eigenen jungen Familie nicht antun. Dafür fand er eine spannende Nische: Schulungen für Berufssoldaten, die von der Kaserne ins normale Leben zurückkehren wollten. Andreas Gulyas fasst seine Aufgabe zusammen: Aus strammen Soldaten Zivilisten machen, die nicht nur auf Befehle warten, sondern auch Eigeninitiative zeigen. Und ihren Gesprächsstil etwas geschmeidiger gestalten. Bei einigen Mitgliedern von Kampfeinheiten musste er aber feststellen, dass die Resozialisierung mitunter nicht so leicht fiel.

Das Geschäft lief blühend – die Schulungen führte er mit einer eigens gegründeten Firma durch. Doch dann verstarb der Geschpäftspartner des Vaters an Krebs. Andreas musste ein Entscheidung treffen, die vermutlich viele gerne hätten: Beim Vater einsteigen, in eine blendend gehende Werkstatt? Oder mit dem vielversprechenden neuen Geschäft wachsen? Keine leichte Entscheidung für ihn damals. Was stärker war, die Loyalität zur Familie, die Liebe zu Autos, die Möglichkeit durch die Übernahmen eine Tradition zu beginnen, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall entschied er sich für die Kreuzberger Werkstatt im Hinterhof.


Er bereut es nicht. Vielleicht auch, weil er seiner ganz persönlichen Schwäche fröhnen konnte: skandinavische Professoren-Schlitten. Wenn man den zweiten Hinterhof betritt, steht man vor einem Meer von Saabs, oder passend zu Andreas’ Vergangenheit, einem Heer. Im Zählen von Saabs habe ich keine Schulung, aber gefühlt standen da 20 bis 30 Skandinavier. Einige Fremdwagen waren auch dabei, Franzosen, ein oder zwei Bayern. Wer also nicht nur nach einer Werkstatt wie früher sucht, sondern auch nach Autos von früher, kann bei Gulyas und Apel fündig werden.

Der Jüngste in der Familienlinie, Felix, bürstet gerade eine Roststelle aus einem alten Golf als ich mit ihm sprechen will. Er sei sich des Glücks, keinen Ausbildungsplatz suchen zu müssen vollstens bewusst. Es hat natürlich Vorteile in der eigenen Familie zu arbeiten, aber gleichzeitig verlangt der Vater sicherlich mehr als ein Ausbilder, mit dem er nicht verwandt wäre. Ob er die Tradition der Familie aufrecht erhalten will, weiss er noch nicht. Er ist im letzten Jahr seiner Ausbildung und will erstmal ein Jahr weg, am liebsten ganz weit, wie Australien zum Beispiel. Als wir sprachen, war die Reise noch in Planung, vielleicht ist er jetzt schon dort. Was danach passiert, kann er jetzt noch nicht sagen.

Zum Thema Familie meint der ältere Gulyas, er habe immer seine Kunden als Teil einer erweiterten Familie betrachtet. Vielleicht fühlten sie sich deswegen so wohl bei ihm und tun es immer noch. Er stellt sich auch beschützend vor seine Kunden, denn als ich neugierig nach einem Foto der ersten Grillfête zur Eröffnung der Werkstatt bitte, meint er, das sei zu privat. Vielleicht ist es dieses Verhältnis zu Kunden, das immer seltener wird. In der Urbanstraße 64 kann man es noch finden,  genau wie andere, seltene Hinterhof-Blumen.

PS – Von der Düttmann-Siedlung hatten die drei nie gehört.. ;)


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