FRÜHER IM VIERTEL: Die Entstehung des QMs Düttmann-Siedlung

Genese eines Fördergebiets

Mitte der 90er Jahre beklagten Bewohner*innen die desaströsen Zustände in der Düttmann-Siedlung, der damalige Bürgermeister lud zu einem Bürger*innen-Gespräch ein. Damit begann das Engagement der Nachbarschaft und die Gemeinswesenarbeit des NHU, die letztlich zur Einrichtung des Quartiersmanagements führte.

Interview mit dem Geschäftsführer des Nachbarschaftshauses Urbanstr. (NHU), Markus Runge, der die Düttmann-Siedlung seit 1998 kennt und sich kontinuierlich für sie einsetzte. 

Der Brief, der den Kreuzberger Bürgermeister Strieder Anfang 1994 erreichte, war eine lange Liste von Missständen. Die Bewohner*innen des statistischen Block 202, so der damalige behördliche Name für das Gebiet der Werner-Düttmann-Siedlung, beklagten viel: Spannungen zwischen Mieter*innen, katastrophale Müllberge, Spielflächen mit verkoteten Sandkästen, verwahrloste Grünflächen, verschmierte Fassaden, ein mangelndes Miteinander. «Das alles war der damaligen Hausverwaltung komplett egal», meint Markus Runge, Geschäftsführer des NHU, deswegen wandten sich die Bewohner*innen an die Behörden. Sie nannten sich «MieterInteressen Gemeinschaft», kurz, MIG.

Eine Hausverwaltung, der alles egal war
In den MIG-Rundbriefen aus der Zeit liest man von Schimmel in Wohnungen, von Einsätzen der Feuerwehr und der Polizei, die an der Schranke der Siedlung so lange warten mussten, bis sich ein*e Mieter*in mit einem Schlüssel fand und von Parkplätzen, die intransparent und nach Gutdünken vergeben wurden. Beim ersten Treffen, zu dem der Bürgermeister lud, waren neben 120 Bewohner*innen auch der damalige Geschäftsführer des Nachbarschaftshauses anwesend, Wolfgang Hahn. Der machte den Mieter*innen ein Angebot: Wenn sie sich für die Nachbarschaft in der Wohnanlage Graefe-Urbanstraße einsetzen, wie man sie damals noch nannte, würde das NHU dieses Engagement begleiten und unterstützen. Es sollten noch viele Treffen folgen.

Der allererste Rundbrief der MieterInteressen-Gemeinschaft: Damals gab es noch keine Mails, dafür Fotokopiermaschinen.

Eine erste personelle Unterstützung kam 1996. Stefan Purwin startete als Gemeinwesenarbeiter und unterstützte Mieter*innen. Markus Runge, stand ihm ab 1998 bei. Vor seinem Studium der sozialen Arbeit verbrachte er ein freiwilliges soziales Jahr in Paraguay und arbeitete in einem Slum nahe der argentinischen Grenze. Das hatte ihn so beeindruckt, dass er mit Gemeinwesenarbeit in Berlin fortsetzen wollte.

Die ersten Meilensteine
Zu den ersten Veränderungen gehörte die Umwandlung der Räume der heutigen Dütti-Werkstatt, damals ein Lager für die Handwerker der Hausverwaltung, zu einem Raum für Bewohner*innen. Dort wurden Deutschkurse mit Kinderbetreuung angeboten, vier mal die Woche, am 5. Tag gab es einen Treffpunkt für Frauen der Siedlung. Es folgten Nachhilfestunden für Schüler*innen durch freiwillige Helfer*innen und bald bot der Bewohner Dani Mansoor dort auch eine Kinderkunst-Werkstatt an.

«Dieser Raum für die Nachbarschaft war ein wesentlicher Schritt, davor gab es keinen öffentlichen Ort an dem sich Bewohner*innen treffen konnten», sagt Runge. Der heutige Nachbarschaftstreff war damals eine deutsche Eckkneipe wie aus einem unheilvollen Bilderbuch, so Augenzeugen. «Die negativ-Spirale hatte sich seit den MIG-Treffen weitergedreht, weil viele noch solvente Mieter*innen auszogen», führt Runge fort. Zwar hatten die verschiedenen Ämter und Stellen die Siedlung lose im Blick, aber «von oben kam nichts», stellt Runge trocken fest. Wirkliche Hilfe, um einer Verschärfung des sozialen Brennpunkts vorzubeugen, blieb aus.

Markus Runge, Geschäfstführer der Kreuzberger Institution NHU mit einem Umsatz von 4,2 Mio € und 120 Mitarbeitern.

Ein zweiter, maßgeblicher Meilenstein war die Entstehung der Trägerrunde Düttmann-Siedlung. Die zentralen Ziele der Vernetzung: Die Ressourcen von Einrichtungen in die Siedlung zu leiten um eine Verbesserungs der Lebensumstände zu bewirken. Die Trägerrunde forderte schon ab 1999 die Einrichtung eines Quartiersmanagements, das entsprechende Programm Soziale Stadt war taufrisch von den Ministerien auf die Republik ausgerollt worden. Das Gebiet sei aber viel zu klein dafür, so der Tenor damals seitens der Senatsverwaltung. «Für das QM mussten wir wirklich kämpfen», blickt Runge zurück. 2005 war es dann so weit, das kleinste QM-Gebiet Berlins mit nur knapp 3.000 Einwohner*innen war Wirklichkeit geworden.

Ein zweischneidiges Schwert
Ein Jahr vor der Abwicklung des QMs, auch Verstetigung genannt, zieht Markus Runge nun Bilanz. «Heute ist die Siedlung viel attraktiver, das Müllproblem ist eingegrenzt, die Spielflächen sind nutzbar, die Grünflächen sind tatsächlich grün, es gibt den Nachbarschaftstreff und überwiegend einen guten Austausch zwischen Bewohner*innen.» Das alles wäre ohne das QM nicht möglich gewesen, ist Runge überzeugt. Viele öffentliche Mittel konnten hier sinnvoll investiert werden, darunter auch ein hoher Anteil für die bauliche Sanierung der Siedlung.

Probleme bestehen weiterhin, natürlich, die seien aber im Vergleich viel geringer geworden, die Situation hat sich seit 1998 schon deutlich verbessert. Trotz dieser Erfolgsbilanz sieht Runge das Instrument Quartiersmanagement kritisch: «Ich bedauere die Kehrseite der Fortschritte: Die Verdrängung von armutsbetroffenen Bewohner*innen im innerstädtischen Raum ist selbst in der Düttmann-Siedlung zugange, obwohl wir es hier mit sozialem Wohnungsbau zu tun haben.» Aber auch Quartiersmanagementen gelingt es nicht, Prozesse wie Gentrifizierung aufzuhalten, dafür seien sie viel zu unpolitisch.

Gentrifizierung ist als Trend zu stark, Programme wie «Soziale Stadt» und eine Senatsverwaltung für Stadtentwicklung können sie nicht aufhalten. Da ist mehr Politik gefragt, auch auf anderen Ebenen: Nicht nur im Stadtteil, sondern auch im Land und am besten auch auf Bundesebene.

Das NHU wird sich auch nach dem Auslaufen des Quartiersmanagements weiter in die Düttmann-Siedlung einmischen und Menschen und Akteure unterstützen. Die kommenden Jahre werden zeigen, welche Entwicklungen mit den gewachsenen Netzwerken heraus möglich und nützlich sind. Wir sind gespannt.

 

Das Interview mit Markus Runge wurde im August 2019 durchgeführt und stellt die Entwicklung des Gebiets der Düttmann-Siedlung aus Sicht des Nachbarschaftshauses Urbanstr. wider. An der letztendlichen Einrichtung des QM-Gebiets waren viele weitere Akteure und Personen beteiligt, die in den weiteren Newsletter zu Wort kommen.

 

Titelfoto: FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum, Fotografien der Urbanstraße 120-121, 126 (Ecke Graefestraße). Henschel-Fotobestand


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