PORTRÄT: Wie eine Bosnierin Bewohnerin der Siedlung wurde

Die zwei Heimaten

Aufgrund des Krieges in Jugoslawien blieb die Bosnierin Fazila 1993 in Berlin, dann nach Hause konnte sie nicht mehr. Warum Deutschland zu ihrer zweiten Heimat wurde – und was sie an den Deutschen schätzt – lesen Sie hier.

An ihre Kindheit in Bosnien und Herzegowina erinnert sich Fazila sehr gerne. Wenn sie wiedergeboren werden würde, dann nur in Ihrem Heimatort. So glücklich waren ihre jungen Jahre in dem kleinen Dorf in Zentralbosnien. Es ist eine fruchtbare, von Bergen gesäumte Ebene, vom Fluss Bosna und vielen kleinen Zuflüssen durchquert. Ihre Familie lebte nicht im Überfluss, aber hatte alles, was sie brauchte.

Die Weiden und Felder, die eigene Kuh, das Pferd und die Schafe reichten, um die siebenköpfige Familie zu ernähren. Der Vater arbeitete zuerst bei der staatlichen Eisenbahn, später in einer Metallfabrik und nebenbei als Maurer. Die Mutter war Hausfrau. Als genug Geld da war, baute der Vater eigenhändig ein neues Haus. Diese Fähigkeit machte den gelernten Baumeister im Dorf zu einem sehr geschätzten Mann.

Der sozialistische Staat sorgte gut für seine Bürger*innen. Schule, Ausbildung und Krankenversicherung waren kostenlos. Fazila studierte Sozialarbeit. Nach ihrem Abschluss 1976, besuchte sie ihre Schwester in Berlin, die, zusammen mit Ihrem Ehemann, als Gastarbeiter in Deutschland lebte. Nachdem sie von dem Besuch zurückkam, nahm sie eine Stelle beim Arbeitsamt in Ihrem Heimatort an.

Wir hatten damals ein sehr gutes Leben, meine Kollegen und Kolleginnen gehörten verschiedenen Glaubensrichtungen an, das sahen wir alle als eine kulturelle Bereicherung an, wir waren alle Jugoslawen“, sagt Fazila, die selber Muslimin ist.

Die Gegend aus der Fazila kommt ist geschichtsträchtig, ab 4.000 vor Christi war sie besiedelt. Die Römer kamen kurz nach Beginn unserer Zeitrechnung, im Mittelalter war Bosnien ein starkes Königreich, vor welchem die damalige Handelsmacht Venedig großen Respekt hatte. Im 15. Jahrhundert kamen die Ottomanen und im 19. Jhd. die Österreicher. Zwar schluckte Österreich-Ungarn Bosnien, erkannte aber 1912 den Islam als Staatsreligion an. Historiker werten die Entscheidung als bahnbrechend, bis heute gilt das Gesetz in der Alpenrepublik in dessen Grundsätzen. Nach dem 2. Weltkrieg wurde aus dem Königreich Jugoslawien eine sozialistische Republik.

  • Der Balkan 1906: der südlichste Teil des Vielvölkerstaats Österreich-Ungarns, der 1912 den Islam als Religion anerkannte.

Der Krieg in den 90er-Jahren veränderte alles. Viele Menschen flüchteten ins Ausland. So auch Fazila. Ihre erste Anlaufstelle war eine Flüchtlingsunterkunft in Neukölln, fünf Jahre später fanden sie und ihre Familie eine Wohnung in der Werner-Düttmann-Siedlung. Sie fasste schnell Fuss, wurde vom sozialen Träger VIA e.V. als Kiezlotsin eingestellt und rief eine Frauengruppe von ex-Jugoslawinnen ins Leben. Um Teilnehmerinnen zu finden, ging sie von Briefkasten zu Briefkasten und warf bei jedem ihr heimisch klingenden Namen einen Zettel ein.

Daraus entstand eine Gruppe von rund 15 Frauen mit dem Namen BKS – für Bosnien, Kroatien, Serbien. Ein Sprachproblem gab es nie, die Sprachen seien so verwandt wie die skandinavischen, sagt Fazila. Die Frauen aßen gemeinsam und unterstützten sich beim Zurechtfinden in der neuen Heimat. Die Bosnierin baute das Angebot systematisch aus: Da sie gerne malt, obwohl sie sich nicht als begabt betrachtet, organisierte sie einen Malkurs der auch zu mehreren Ausstellungen führte.

Fazila lebt nun genau so lange in der alten wie in der neuen Heimat. Der Hauptgrund ihrer Liebe zur Neuen: Die Deutschen selbst. Das seien wirklich gute Leute, so ihre Meinung, sie machten alles mit System, was sie sehr schätzt.

Es gibt einen weiteren Grund. Ein Merkmal, dass sie ganz persönlich mit dem neuen Land verbindet: Ehrlichkeit. Deutsche sagen gerade heraus, was sie denken. Genauso wie sie selbst auch, schon seit Kindesalter.

Das was sie an der bosnischen Mentalität am meisten schätzt: Herzlichkeit und Menschlichkeit. Jeder Mensch wird herzlich und ohne Vorurteile willkommen geheißen, unabhängig von seiner Herkunft, Hautfarbe, Religion, oder Weltanschauung, weil die Bosnier Diversität als etwas Positives betrachten. Schließlich hat es in ihrem Land eine Jahrtausend alte Tradition.

Nachdem ihre Stelle als Kiezlotsin endete, löste sich die BKS-Gruppe auf. Jetzt will sie eine neue im Dütti-Treff aufbauen. Ihre neue Stelle beim Nachbarschaftshaus Urbanstraße, im Mehrgenerationenhaus Gneisenaustraße, lässt ihr einen Tag pro Woche dafür Zeit. Noch steht sie am Beginn, aber dass Fazila neu anfangen kann, hat sie schon bewiesen. Ihre starke Motivation versteht man schnell: Gibt es etwas Schöneres für Menschen mit zwei Heimaten, als beide einen Nachmittag lang in Einklang zu bringen?


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